Der Plan

Sein Plan war folgender: Er wollte die Scheiße irgendwie bis zum Juni durchhalten. Schon wieder eine Umstellung wäre einfach zuviel für ihn gewesen. Er ging auf die Fünfzig zu und da bedeutete für ihn jeder Neustart eine enorme Anstrengung.
Er hatte diesen Traum, der ihn schweißnass aufwachen ließ. Hundemüde stand er in einer Fußgängerzone. Durchdrungen von der Sehnsucht nach etwas Großem, Richtigem. Doch da war Nichts. Das erschreckte ihn zu Tode.
Und wenn er aufwachte, hielt der Traum an. Er stand auf, zog Kleidung über seinen Körper, aß etwas, trank einen Kaffee und wankte verunsichert nach Draußen. Er musste zur Arbeit und jeder Schritt, den er tat, war von diesem einen Gedanken getrieben.
In der U-Bahn betrachtete er sein Gegenüber. Ein Mann im grauen Anzug fuhr mit dem Zeigefinger der Rechten über das Display seines Handys. Über den Ohren trug er hellblaue Kopfhörer. Die Leere in den Augen traf Roland mit ungebremster Wucht. Verlegen senkte er seinen Blick und stierte auf das aufgeschlagene Buch, das er in Händen hielt.

Als wäre es nicht genug damit, dass die Welt extrem war, sein Job, die Menschen. Die Straßen waren voll von Extremisten. Er schlich an ihnen vorüber, nur bedacht darauf nicht ins Visier der Exhibitionisten zu geraten. Es widerte ihn an, wie sich alle outeten. Nicht dass, sie etwas Verborgenes preisgaben, zögerlich, wie die Muschel ihre Perle, nein, es schien ihm als stülpten alle alles nach Außen, freiwillig, zwanghaft. Outisten allesamt, die sich den Dreck in ihrem Inneren auf ihre Gesichter schmierten, ein Foto davon machten und das dann ins Internet stellten, wo es für immer blieb. Das Offensichtliche war das Öffentliche und mehr war da nicht. Was einmal geschehen war, geschah für immer, ständig.
Wieder schielte er zu dem Grauen hinüber. Als gäbe es Hoffnung.
“Mensch, Roland!“, eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er zuckte leicht zusammen. Krampfhaft suchte er in seinem Gedächtnis nach einem Namen, der zu der weiblichen Stimme passte. Er fand keinen und blickte nach oben.
„Ja, Mensch, hallo“, sagte er.
“So ein Zufall, dass wir uns hier treffen. Ewig nicht gesehen, was?“, sprudelte es aus dem hübschen Gesicht heraus.
Roland kannte die Frau, aber er wusste verdammtnochmal nicht, wer sie war. Nicht der leiseste Anhaltspunkt. Job schloss er aus, Uni auch. Kindheit? Er lächelte dumm.
“Setz dich doch“, schlug er vor.
“Danke!“
Der Graue rutschte auf ein höfliches Handzeichen Rolands hin zur Seite. Sie setzte sich, schaute ihn intensiv an, als wollte ihr Blick sagen: „Jetzt muss ich Dich nach all den Jahren erst mal unter die Lupe nehmen.“ Er lächelte immer noch, obwohl er sich genauso fühlte. Wie unter einer Lupe, ein Insekt in den Kinderhänden des Zufalls. Wäre sie nur einen Waggon weiter hinten eingestiegen, er hätte seine Ruhe. Eine Minute später am Bahnhof und er hätte sich weiter seiner Menschenverachtung hingeben können. Na, da wurde jetzt nichts mehr daraus, denn das Äußere der Frau war ihm nicht unsympathisch. Einzig ihre Outdoorjacke störte ihn. Als rechnete sie damit, von einer Sekunde zur anderen und ohne Gelegenheit sich umzuziehen, in die Wildnis verschlagen zu werden.
Bevor sie wieder etwas sagte, nahm sie ihre Unterlippe zwischen die Zähne.
“Was machen deine Eltern?“, fragte sie.
Also doch Kindheit. Wahrscheinlich waren sie in die gleiche Schule gegangen. Er sah das graue Betongebäude kurz vor sich.
“Gut, gut. Alles bestens.“ Er hatte so etwas von keine Lust über seine Eltern zu sprechen. Sein Vater war das alte Arschloch und seine Mutter fing an debil zu werden.
“Toll“, sagte sie begeistert. „Toll, wenn man in dem Alter noch mobil ist.“
“Mobil, ja, das ist toll. Und bei dir so?“

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Ein Gedanke zu “Der Plan

  1. Toller Typ, dieser Roland! Kannst Du mir seine Handynummer geben? Ich wollte, ich könnte ihn lieben, stürmisch und immer wieder, auf dem Rücksitze einer M-Klasse, wo viel Platz ist für seinen Riesenschwanz, vielleicht im Gelände, ja, offroad, Offroad-Sex, outrierter, autistischer Outdoor-Sex, on and off, immer wieder, on, off, rein, raus, natürlich mit Automatik, damit das von selbst flutscht, rein und raus und rein, rüber über den Hügel, die Anhöhe hinauf, rauf aufs Plateau, wo man die Welt zu seinen Füßen liegen hat, schweben wir wie Tauben über einem unabsehbaren Meer, über einem schicksalhaften Meer, dem Meer der Tage und Tränen, Werke und Waghalsigkeiten auf leichten Schwingen, bis zum Hals, zum Hals angefüllt mit, voll von, ausgestopft mit ah, ah, AH!

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