Gesunde Frau zwischen 25 und 45

Kommentarlos schluckte sie die Pille. Der Mann in Weiß ging weiter zur Nächsten. Sie sah zu Eva hinüber wie auch sie ihr Medikament aus einem hellblauen Döschen gereicht bekam. Evas Tablette hatte eine andere Farbe als ihre. Sie gehörte zu einer anderen Kontrollgruppe. Es war halb 8. In einer Stunde begann ihre Arbeit. Sie hoffte, dass die Bahnen nach Plan fuhren.

Unterwegs kaufte sie sich ein Croissant. Jetzt durfte sie essen. Ein Sonnenstrahl erleuchtete die Backwaren in dem kleinen Kiosk auf dem S-Bahnsteig. Im nächsten Moment schob sich eine Wolke zwischen Sonne und Auslage. Undine biss ein großes Stück ihres Hörnchens ab. Teig klebte sich an ihren Gaumen. Sie wünschte, sie hätte etwas zu trinken dabei. Mühsam würgte sie den Speisebrei herunter. „Kaffee, …, to-go“, brachte sie heraus. Die junge Frau vom Kiosk drehte sich um und bediente eine Maschine, die nach ein paar Sekunden einen braunen Pappbecher mit Kaffee füllte. Undine wunderte sich, warum sie nicht gefragt worden war, welche Art Kaffee sie wünschte. Sie war der Verkäuferin dafür dankbar.

„Zurücktreten bitte!“ Milde zischend schlossen sich die Türen. Ruckartig fuhr der Zug an und taumelte mit zunehmender Geschwindigkeit über die Gleise und Weichen dem Vorort entgegen. Undine stand. Durch die verkratzte Scheibe einer Trennwand betrachtete sie die Sitzenden. Ein Mann hielt eine Zeitung. Sie schaute ihm über die Schulter. Konzentriert schien sich der Leser mit den Kontaktanzeigen zu beschäftigen. Hin und wieder fuhr er sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn. Es war heiß an diesem Sommertag. Dennoch schwitzte der Mann übermäßig. Undine dachte an die Tablette in ihrem Magen. Sie konnte nicht sagen, was genau sie da gerade zusammen mit dem zerkauten Croissant verdaute. Traubenzucker oder doch eine pharmazeutische Neuentwicklung. Sie wusste nur, dass es um ein leichtes Schmerzmittel ging.

„Gesunde Frau zwischen 25 und 45 Jahren für klinische Studie gesucht – Aufwandsentschädigung“. Seit zwei Monaten nahm Undine schon an dem Programm Teil. Es musste sein. Sie brauchte das Geld. Der Umzug in die Stadt hatte sich aus finanzieller Sicht als völliges Fiasko erwiesen. Nur mit der Halbtagsstelle als Sozialarbeiterin konnte sie sich und ihren Sohn nicht über Wasser halten. Nun half sie dabei, zukünftige Schmerzen zu vermeiden.

Die Architektur der Stadt öffnete sich allmälig. Die Häuser wurden niedriger, die Lücken zwischen ihnen größer. Landwirtschaftliche Gebäude mischten sich unter das Wohnungs- und Büroallerlei. Der Himmel schien weiter zu werden. Immer wieder hielt der Zug und entließ Mitreisende, sammelte neue ein. Der schwitzende Leser saß noch immer über seiner Lektüre. Dann griff er in seine Hosentasche und holte einen Stift hervor. Langsam, als zögerte er, entfernte er die Kappe und markierte rot eine der Anzeige in seiner Zeitung. Undines Neugier erwachte. Aus ihrer Position konnte sie nur die Überschrift entziffern: „Gesunde Frau, Mitte 30 sucht echten Kerl“.
Der Mann steckte seinen Stift wieder weg, faltete die Zeitung und setzte sich mit einem Ruck aufrecht hin. Undine nahm ihm gegenüber auf einem frei gewordenen Sitz Platz. unverhohlen schaute sie ihm ins Gesicht. Unter der feuchten Stirn sah sie in blaue, klare Augen, die für einen winzigen Moment Verwunderung ausdrückten, dann aber in Richtung Fenster blickten. Sie wusste, dass er versuchen würde, sie auf der spiegelnden Scheibe zu betrachten.

An der selben Station stiegen sie aus. Der Mann wandte sich nach rechts. Sie blieb kurz stehen und ging dann auf den entgegengesetzten Ausgang zu. Neben ihr fuhr der Zug an. Die Lautstärke des rollenden Metalls kam ihr wie ein letzter Gruß des Zentrums vor. Hier draußen waren die Geräusche kleiner, die Gesten der Leute sparsamer, die Liebschaften leiser. Davor war sie geflohen, als Anton sie hatte sitzen lassen. An drei Tagen in der Woche kehrte sie zurück.

„Einen Moment bitte!“ Eine Männerhand tippte auf ihre Schulter. „Sagen Sie, kennen wir uns?“
„Möglich,“, antwortete sie, „ich kann mich nicht erinnern.“
„Ich hatte gerade im Zug den Eindruck. – Vielleicht können wir uns dabei helfen, uns zu erinnern.“
„Das möchte ich nicht – mich erinnern.“ Sie fing nun auch an zu schwitzen.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
„Ja, ja. Ich bin gesund.“

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