Noch mehr Plan

Einige Tage vergingen in anscheinender Ereignislosigkeit. Es brodelte in ihm, aber davon bekam niemand etwas mit. Dann kam das Wochenende.

„Das ist für die Künstler, hat die zu mir gesagt.“
Rolands Bruder war ganz außer sich.

„Ich sag dir eins, wenn das Künstler wären, müssten sie nicht irgendwelche absurden Aufführungen mit Schulkindern organisieren. Gescheiterte Existenzen, die es im letzten Moment geschafft haben, an öffentliche Gelder ranzukommen. Profiteure, die an diesem dämlichen System partizipieren. Die können mich mal mit ihrem Kunstdreck!“

„Wow, Max!“, unterbrach Roland. „System! Partizipieren! Wo hast du denn auf einmal solche Wörter her?“

„Sehr witzig, Rolli. Ne, im Ernst. Die nehmen fünf Euro von jedem als Eintritt. Gib dir das mal! Da hast du vorher aber schon pro Kind und Monat zwanzig Euro gelöhnt. Nur dafür, dass der Kleine mal auf eine Trommel hauen darf. Rechne mal! Das sind dreißig Kinder pro Klasse und dann verlangen die noch Eintritt für die Aufführung.“

Roland schnaufte.

„Da kommt dann noch mal eine Stange zusammen. Zwei Eltern pro Kind, Großeltern und so weiter. Rechne mal!“

„Wovon genau sprichst du eigentlich?“, fragte Roland, ohne es wirklich wissen zu wollen. Das gerötete Gesicht seines Bruders genügte ihm schon.
Noch bevor Max antworten konnte, kam Christiane herein und schenkte den beiden den Rest des Prosecco in ihre Gläser.

„Essen ist gleich fertig“, sagte sie verheißungsvoll im Hinausgehen. Von draußen drang der Duft tibetanischer Gewürze in das kleine Arbeitszimmer.

„Ein Bier wäre mir lieber“, murmelte Roland.

„Mir auch“, meinte Max.
Wenigstens darin waren sie sich einig. Ansonsten verband sie wenig. Max war eher der quantitative Typ, Roland der qualitative.

Nach dem Essen standen die beiden Brüder und Christiane auf dem ein mal zwei Meter großen Balkon und rauchten. Max erzählte schon wieder eine Geschichte, die mit unheimlich vielen Zahlen garniert war. Es ging um die Anzahl von Bullen, die in Quadratmeter bemessene Größe einer WG, die sich in seinem Haus befand und bei der es zum x-ten Mal Probleme gegeben hatte, die genaue Menge an Steuergeldern, die für den in seinen Augen unnötigen oder zumindest völlig überdimensionierten Polizeieinsatz draufgegangen waren.

„Rechnet mal!“

„Nö, lieber nicht“, sagten Roland und Christiane unisono.
Max nahm einen tiefen Zug und drückte anschließend seine Kippe in den Aschenbecher aus toskanischem Steingut.

„Dann kann ich ja jetzt gehen“, meinte er beleidigt.

Im Gegensatz zu Christiane brachte es Roland nicht fertig zu wiedersprechen. In seinem Kopf schwirrte es. Gern wäre er allein gewesen. Allein mit seiner Frau oder mit Marie oder ganz allein. Egal. Hauptsache allein.

 

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