Mehr „Der Plan“

Acht Stunden später sahen sie sich wieder. Sie hatten sich auf ein Feierabendbier verabredet. Marie trug, als hätte sie seine Gedanken erraten, einen dünnen Mantel, der ihre schlanke Figur zerbrechlich erscheinen ließ.
Sie berichtete von ihrem Job, er von seinem. Dann gingen sie einen Schritt weiter. Rolands Nachbar, ein alter Fremdenhasser und Zigarrenliebhaber, hatte ihm bei einer einminütigen Fahrstuhlfahrt völlig unvermittelt von seinen Selbstmordplänen erzählt. Er überlege sich, ob er sich nicht aus dem Fenster seiner Wohnung im fünften Stock stürzen sollte. Roland war diese Offenheit peinlich gewesen. Er hatte sich vereinnahmt gefühlt, war aus der Gesprächssituation geflüchtet. Er spürte ein Dilemma, das dazu angetan war, ihm noch Probleme zu bereiten. Seine Abgrenzungsstrategien wiesen deutliche Lücken auf. Eigentlich war ihm der Typ völlig egal. Sollte er sich doch umbringen. Auf der anderen Seite fragte er sich, wie er reagieren würde, läge der Nachbar entstellt auf dem Asphalt. Dann wären Vorwürfe angesagt.
Marie schaute ihn besorgt an, als er davon sprach. Er ahnte, dass dieses Thema in Sachen Gemütlicher Abend nicht weiter bringen würde. Worüber sollte er aber sonst reden? Hätte er die Augen geschlossen, hätte er den Geruch von Zigarrenqualm riechen können. Es beschäftigte ihn eben.
“Das ist traurig“, stellte Marie fest.
“Ja, traurig. Aber warum eigentlich? Es ist doch seine freie Entscheidung. Was habe ich damit zu schaffen?“
“Er scheint irgendwas in dir zu sehen. Sonst hätte er dir kaum davon erzählt. Du bist eben ein vertrauenserweckender Mensch.“
Roland stutzte, hob sein Bierglas zum Mund, trank.
“Ich rauche ja noch nicht einmal“, meinte er unbeholfen.
Marie lachte. Er auch.
“Das letzte Mal habe ich auf der Abifete geraucht. Kurz darauf mussten mich meine Alten abholen.“
“Ja, du hattest ganz schön einen getankt. Kannst froh sein, dass wir damals nicht den Krankenwagen geholt haben“, schmunzelte Marie.
“Ist das nicht auch traurig?“, wollte er, plötzlich todernst geworden, wissen.
“Du bist echt ein seltsamer Kerl, Rolli“, bekam er zur Antwort.
“Ich dachte, ich wäre vertrauenerweckend.“
“Vielleicht gerade deswegen“, gab sie zurück.

Sie saßen noch ein, zwei Stunden zusammen, tranken mehr Bier und unterhielten sich über Maries Vorliebe für große Autos. Besonders Geländewagen hatte es ihr angetan. Roland langweilte das. Er versuchte ihr Gespräch auf eine andere Ebene zu heben. Etwas platt vermutete Roland hinter dem Hang zu stark motorisierten Fahrzeugen, eine Verbindung zum Sexus.
„Was dem Freud sein Pferd war, ist dem Konsumenten von heute seine M-Klasse“, behauptete er.
„Kann schon sein“, stimmte sie mit grummeligem Unterton zu. „Was mich aber fasziniert, ist der Platz in solchen Autos. Und dass man so schön weit oben sitzt.“
„Du magst deine Freiheit. Stimmts?“
„Solange ich mich dafür nicht vom Balkon stürzen muss.“
Wieder lachten beide. Roland empfand dabei Dankbarkeit. Marie hatte es tatsächlich geschafft, aus diesem Tag wider Erwarten etwas besonderes zu machen.
Gegen elf schnurrte sein Handy. Seine Frau war dran. Er entschuldigte sich stumm bei Marie und trat in die Stille vor der Kneipe.
“Mir ist langweilig, Rolli. Wo bleibst du denn?“

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