Die Fabrik (38)

Als ich fertig war, befühlte sie mit einer flüchtigen Handbewegung die Rückseite ihres Schädels, so als wollte sie der Wunde, die ihr zugefügt worden war, nachfühlen. Dann sah sie mich an.
„Und wie soll es jetzt weiter gehen?“
„Moment!“, brach ich sie ab. „So weit sind wir noch nicht. Ich möchte erst von ihnen hören, dass sie tatsächlich nichts von dem Eingriff und seinen Folgen wussten.“
Sie schüttelte den Kopf und ich glaubte ihr. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand, so verzweifelt diese Person auch sein mag, die Verbannung auf einen Todesplaneten und eine Operation, die ganz offensichtlich die eigene Persönlichkeit manipulierte, akzeptieren würde. Ich nickte und lächelte Daria Wu an.
„Gut. Kommen wir zu ihrer Frage. Was denken sie denn, wie es weitergehen könnte? Allzu viele Alternativen bleiben uns ja nicht.“
„Ich habe wirklich keine Ahnung. Sie sind hier doch der Chef. Sagen sie es mir.“
Ich zuckte nur mir den Schultern, stand auf und hob meine Hand zu einem matten Gruß.

Zurück im Büro kontaktierte ich Silf, Sandro, Hank, Mimi und Torsten, den Leiter der internen Versorgung. Mit diesen Leuten wollte ich klären, was wir mit Daria Wu anfangen konnten und wie wir uns unsere nähere Zukunft vorstellten.
Sandro und Silf erschienen vor den anderen und wieder hatten die beiden Neuigkeiten für mich.
„Es gibt in der Tat einen Zusammenhang zwischen den Psychopharmaka und den Stoffen, mit denen uns Frau Wu versorgt. Einen tödlichen Zusammenhang. Wir haben herausgefunden, dass der Prozess, den das Galvium auslöst extrem beschleunigt wurde, explosionsartig, um es genauer zu fassen“, erklärte Sandro.
„Ich dachte, sie benötigen Monate für ihre Untersuchungen.“
„Manchmal hat man einfach Glück“, feixte Silf.
„Glück im Unglück“, setzte ich hinzu. „Das heißt, die Fakten liegen nun auf dem Tisch. Wir haben einen Mörder, der von seiner Tat nichts weiß, und wir haben die Wahl zwischen einer angenehmen Art von Wahnsinn und einer unangenehmen.“
„Richtig“, bestätigte Silf.
Die Tür ging erneut auf und die anderen kamen herein. Etwas unschlüssig standen sie in meinem Büro herum, dessen Sitzgelegenheiten schon belegt waren.
Ich begrüßte die Anwesenden und fasste dann zum wiederholten Male die Fakten zusammen. Anschließend machte ich allen klar, dass ich eine Entscheidung erwartete, die ich im Namen der Fabrikleitung der Vollversammlung vortragen konnte.
„Und es gibt wirklich nichts, was wir sonst tun können?“, fragte Mimi.
„Wenn du eine Idee hast, werde ich dich gern darin unterstützen. Mir fällt leider nichts ein. Die Situation ist hoffnungslos, auch wenn sie uns mit Hilfe von Wus Ausdünstungen nichts als solche erscheinen mag.“
Circa zwei Stunden diskutierten wir weiter. Am Ende wurde deutlich, dass alle der Meinung waren, wir sollten uns mit der Lage arrangieren und versuchen das Beste daraus zu machen.
Weitere zwei Stunden später brachte ich diesen Vorschlag vor die versammelte Mannschaft. Auch dort stimmt man dem mit übergroßer Mehrheit zu.  Wir machten also einfach weiter, wie bisher.

Natürlich sagte mir an diesem Tag auch mein Verstand, dass es besser ist, einigermaßen glücklich und vor allem friedlich dem Untergang entgegenzusehen, als im völligen Chaos zu krepieren, dennoch blieb ein Zweifel. Ein Zweifel, den ich über all die Monate, die folgen sollten, nie ganz beiseite schieben konnte. Im Gegenteil, mein Verlangen nach der Wahrheit, einer Wahrheit, die mehr war, als die Sammlung und Analyse von Fakten, wuchs und wuchs. Ich gewann zunehmend die Überzeugung, dass man auch den Mut haben muss, in der Wahrheit zu leben. Ja, dass es eine Wahrheit nur dann gab, wenn man sie lebte. Unser Zustand, der ohne Frage ein relativ angenehmer war, war eine Lüge und ich konnte am Ende nicht mehr damit leben. Deshalb entschied ich mich zu dem, was ich nun, da ich meinen Bericht abgeschlossen habe, tun werde.

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