Die Fabrik (37)

„Das freut mich für sie“, antwortete sie gelassen.
„Ja, in der Tat. Das ist wirklich ein Grund zur Freude. Wissen sie, je älter ich werde, desto seltener werden diese Momente der Klarheit. Nur die Sehnsucht danach lässt nicht nach, im Gegenteil.“ Ich faltete meine Hände und lächelte Daria Wu an.
„Darf ich fragen, was ihnen diese, wie soll ich sagen, unverhoffte Befriedigung verschafft hat?“
„Die Wissenschaft, Frau Wu. Am Ende ist es doch die Wissenschaft, die uns zu Erkenntnissen verhilft. Und ich bin sehr froh in unserem Team Männer zu haben, die ihr Handwerk verstehen. Dr.Silf zum Beispiel.“
Ich mochte verbale Spielchen dieser Art. Beinahe war es wie auf dem Weg zu einem guten Orgasmus, der nicht explosionsartig über einen der Beteiligten kommt, sondern beiden langsam zu einem gemeinsamen Erlebnis wird.
„Sie spielen sicher darauf an, dass mich der von ihnen so hoch geschätzte Doktor gegen meinen Willen betäubt hat, um etwas mit mir zu veranstalten, worüber er mir keine Auskunft geben wollte.“
„Genau das“, antwortete ich trocken und schaute die bezaubernde Frau an, deren Gesicht nun einen Ausdruck von Widerwillen zeigte, ohne ihrer Schönheit dabei zu schaden.
„Und das nennen sie Wissenschaft?“, wollte sie wissen.
„Nun ja, die Pfade zur Erkenntnis sind nicht immer die saubersten, und ich möchte mich dafür entschuldigen, dass wir sie in eine so unangenehme Situation gebracht haben. Nur ist es leider so, dass ich schon länger einen Verdacht gegen sie gehegt habe und mir meine Neugier einfach keine andere Wahl mehr ließ. Und, ich kann dabei eine gewisse Genugtuung nicht unterdrücken, mein Verdacht wurde erhärtet.“
„So, so“, sagte sie kühl. „Möchten sie etwas trinken?“
„Gern. Ist es schon spät genug für einen Drink?“
Sie schenkte uns zwei Gläser mit einer bräunlichen Flüssigkeit voll und setzte sich wieder. Fragend sah sie mich an.
„Nun?“
„Nun, was?“
„Was liegt gegen mich vor? Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“
„Das ist auch kein Wunder, denn, Frau Wu, sie sind ein Opfer. Genauso wie wir es alle sind. Sie sind ein Missbrauchsopfer und demjenigen, der sie missbraucht hat, geht es nur um Profit.“
Ein ironisches Lächeln spielte um ihren Mund.
„Das ist doch nicht ihr Ernst. Sind sie jetzt auch verrückt geworden?“ Ihre Stimme klang schneidend.
„Durchaus nicht. Noch bin ich bei klarem Verstand, obwohl dieser Zustand nicht mehr allzu lange anhalten dürfte. Ich verstehe genug, um ihnen mitzuteilen, dass ihr reizendes Äußeres dazu benutzt wird, um uns unsere letzten Tage auf Hegel III so angenehm wie möglich zu machen.“
Daria Wu sprang aus ihrem Sitz hoch und baute sich, die Hände in ihre Taille gestützt, vor mir auf.
„So eine Unverschämtheit muss ich mir von ihnen doch nicht bieten lassen. Ich bin doch keine Hure!“
Ich konnte ihre Aufregung durchaus verstehen und bat sie mit sanfter Stimme, sich wieder hinzusetzen. Vielleicht hatte ich nicht ganz die richtigen Worte gefunden. Ich versuchte erneut, ihr die Wahrheit über ihren Zustand nahezubringen.
„Natürlich sind sie keine Hure, natürlich nicht. Aber es ist doch so, dass ihr Hiersein für uns alle eine gewisse Erleichterung bedeutet. Ihnen wird sicher schon die gute Stimmung unter der Besatzung aufgefallen sein. Das ist ihr Verdienst. Nein, ich will genauer formulieren, es ist das Verdienst unserer Zentrale, die sie zu dem gemacht hat, was sie für uns sind. Der letzte Schutz vor dem Chaos und ein Trost in schwierigen Zeiten.“
„Sie faseln“, stellte sie, mittlerweile wieder etwas ruhiger, fest. „Was geben sie nur für ein schwülstiges Zeugs von sich?“
„Ja, schwülstig vielleicht, aber doch die Wahrheit“, gab ich zurück und offenbarte ihr anschließend mein Wissen über das, was mit ihr und uns geschehen war.

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