Die Fabrik (35)

Nur wenige Minuten später wischte ich mir das Gesicht ab. Die vergossenen Tränen kamen mir absurd vor. Wieder breitete sich in mir das wohlige Gefühl aus, das mich die gesamte letzte Zeit über begleitet hatte, und von dem ich überzeugt war, es mit dem Rest der Besatzung zu teilen. Wenn ich schon sterben müsste, so würde es wenigstens an einem Ort geschehen, den ich liebte. Ich würde nicht mehr wie Stückgut durch das halbe Universum gekarrt, nur um dort dann wieder einer sinnentleerten Tätigkeit nachgehen zu müssen und dann wieder einen und noch einen, bis man bereit war, mich endlich in Ruhe zu lassen.
Überhaupt Ruhe. Es war herrlich an manchen Tagen durch die Fabrik zu laufen. Da, wo noch vor Monaten schwere Maschinen die Wände rund um die Uhr zum Vibrieren gebracht hatten, meinte ich nun die Stille des Weltalls hören zu können. Allein das Sprechen der anderen und das leise Surren der Robots störten hin und wieder diesen Eindruck.
Wie sollte ich die Männer, Daria Wu und Mimi darauf vorbereiten, dass auch sie in absehbarer Zeit vergiftet durch das Galvium sterben mussten? Welche Reaktionen würde diese Nachricht hervorrufen? Und in welchem Zusammenhang stand unsere Vergiftung mit dem plötzlichen Tod von McKinlock und Sam?
Ich ließ mich wieder in meinen Sitz fallen. Große Lustlosigkeit bemächtigte sich meiner. Mir fehlte schlicht die Kraft, mich allen Problemen zu stellen, die vor mir wie Bergmassive aufragten. Wie gern hätte ich mich der sanften Schwermut hingegeben, die mich mit verlockender Süße lockte!
Wir waren dazu verurteilt, den Rest unseres Lebens in Untätigkeit zu verbringen. Die Maschinen schwiegen und bald würden auch unsere Herzen und Hirne schweigen. Dann hatte dieser Planet seine Ruhe wieder, aus der wir ihn vor Jahren herausgerissen hatten. Einen Vorgeschmack dieses Zustands konnten wir schon zu unseren Lebzeiten ahnen.
Schließlich raffte ich mich doch auf, die Mannschaft über den aktuellen Stand der Dinge zu informieren. Die Kraft eine Versammlung einzuberufen und mich vor sie zu stellen fehlte mir. Ich wählte den Weg über das Diginetz. In einer kurzen Mitteilung beschreib ich die Situation, wies auf die Forschungen unserer Doktoren hin und schlug für diesen Abend einen Umtrunk in der Kantine vor. Bei dieser Gelegenheit, so schrieb ich, würden alle Verantwortlichen für Fragen zur Verfügung stehen.
Der Abend kam und so machte ich mich, nachdem ich eine Dusche genommen hatte, auf, dem Entsetzen der Kollegen entgegen zu treten. Zu meiner Überraschung kam es aber anders.
Die Stimmung in der gutgefüllten Kantine war alles andere als bedrückt. Die Männer stießen fröhlich an und debattierten lauthals. Ein Außenstehender hätte vermuten können, dass es bei dieser Zusammenkunft um eine Gehaltserhöhung oder ähnliches ging.
Ich setzte mich an den Tisch, den mir die Kollegen stets freihielten und den ich deswegen als meinen Tisch bezeichnete. Bald gesellte sich Silf zu mir.
„Ist das nicht erstaunlich?“ fragte er und stellte mir einen Drink hin.
„Wie fühlen sie sich denn?“, wollte ich wissen.
„Hervorragend. Wieso?“
„Nun ja, wir sitzen hier und der Tod sitzt mit am Tisch“, antwortete ich.
„Noch ist es ja nicht soweit. Sie wissen doch, wie es mit den Menschen ist. Die eigenen Sterblichkeit ist das große Unbekannte und alles Unbekannte kann uns mal.“
Wir lachten und prosteten uns zu.
„Aber im Ernst“, fing Silf wieder an. „Ich kann mir diese Reaktion auch nicht erklären. Am Galvium kann es jedenfalls nicht liegen. Das habe ich schon getestet.“
„Aber vielleicht liegt es an ihr“, sagte ich und blickte kurz zu dem Tisch hinüber, an dem Daria Wu zusammen mit Hank und Mimi saß. „Schließlich geht es uns allen so gut, seit sie bei uns ist. Habe ich recht?“
„Möglich. Aber McKinlock und Sam sind nach ihrer Ankunft gestorben und die beiden hatten nicht gerade beste Laune“, gab Silf zurück.
„Trotzdem. Irgendetwas hat sie damit zu tun.“
„Und ich soll für sie heraus bekommen was. Stimmts?“
„So ist es. Wir müssen endlich Klarheit bekommen. Ich bitte sie die Dame gründlich zu untersuchen. Im Notfall auch gegen ihren Willen.“
„Es wird mir ein Vergnügen sein“, lächelte Silf.

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