Die Fabrik (33)

Zuvor allerdings hatte ich mit Hank und Mimi in der Kantine gesessen. Wir tranken Tee und aßen eine Kleinigkeit. Die beiden mir gegenüber gaben sich schon seit einigen Wochen keine Mühe mehr ihre Beziehung zu verheimlichen. In unglaublicher Gleichmütigkeit schien sich Mimi damit abgefunden zu haben, ihre Kinder und ihren Mann nicht mehr wieder zu sehen. Wir sprachen zwar darüber, aber es war so, als sprächen wir über Ereignisse und Verluste, die lange Jahre zurück lagen.
An diesem Tag sprach Hank das aus, was wir alle schon längst vermutet hatten.
„Die Zentrale muss allen Familien, Freunden uns so erzählt haben, wir wären tot. Anders würde das ja gar nicht funktionieren, versteht ihr? Sonst würde sich bestimmt irgendwer aufmachen und eine private Suchaktion starten. Nein, die haben denen erzählt, dass wir tot sind. Wahrscheinlich haben sie dazu einen Film gezeigt. Explosionen, herumfliegende Trümmer, Schreie. Was denkt ihr? Ein Meteoriteneinschlag wäre zum Beispiel eine gute Erklärung.“
„Ja, oder ein technischer Fehler in der Anlage“, sponn Mimi den Faden weiter.
„Nein, nein, nein, das würde ja bedeuten, dass sie einen Fehler gemacht oder zumindest zugelassen hätten. Was glaubst du, was da vor den Gerichten los wäre?“, gab ich zu Bedenken.
„Hm, stimmt“, meinte Mimi, „wahrscheinlicher ist wirklich die Naturkatastrophe. – Schon lustig, tot zu sein, obwohl man lebt. Da bieten sich einem plötzlich ganz neue Möglichkeiten.“
Sie sah Hank augenzwinkernd an und wir lachten.
Anschließend begab ich mich in mein Büro, wo ich mich, wie gesagt, meinen mäandernden Gedanken hingab und schließlich von Sandro und Silf aufgesucht wurde.
Die beiden wirkten ungewöhnlich aufgeregt. Das passt so wenig zu der entspannten Atmosphäre, in der wir uns die ganzen letzten Monate über bewegt hatten. Ich ließ die Wissenschaftler Platz nehmen und hörte ihnen gespannt zu.
„Wir haben eine Langzeitstudie mit Galvium an einigen Labortieren gemacht. Vorhin konnten wir die Untersuchung abschließen. Die Ergebnisse sind, nun ja, ziemlich beunruhigend, Damian“, fing Silf an. „Es scheint eine Beeinflussung des zentralen Nervensystems durch eine bisher unbekannte Strahlungsart des Galviums zu geben.“
„Das ist das, was ich auch schon Sams Notizen entnehmen konnte. Wie wirkt sich diese Strahlung denn aus?“
„Verheerend“, sagte Sandro.
„Auf lange Sicht letal“, präzisierte Silf.
„Kannst du bitte etwas konkreter werden“, bat ich ihn.
„Wie sollte ich da noch konkreter werden, Damian? Fakt ist, dass das verdammte Galvium uns alle früher oder später umbringen wird. Bei den Mäusen waren erste Symptome schon nach drei Monaten zu erkennen. Lebewesen mit komplexeren Nervensystemen halten länger durch. Unsere Prognose für den Menschen geht in Richtung von fünf bis sechs Jahren.“
„Und es scheint sich um eine Art von Vergiftung zu handeln. Das heißt, dass man der Strahlung nicht dauerhaft ausgesetzt sein muss. Es genügt dem unverarbeiteten Galvium für ein paar Stunden ausgesetzt zu sein“, fügte Sandro hinzu.

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