Die Fabrik (32)

Wochen vergingen, die Monatsnamen wechselten, aber der Rhythmus dieses Wechsels verlor immer mehr an Bedeutung. Zunächst hatten wir alle noch gehofft, dass die Zentrale das Ausbleiben der Rückkehr des Transporters von Hegel III bemerken und uns Ersatz schicken würde. Diese Hoffnung hatte schnell der Gewissheit Platz gemacht, dass man uns absichtlich auf unserem weit entfernten Planeten lassen wollte. Wir waren eine Gruppe von 52 Männern, zwei Frauen und zwei tiefgefrorenen Leichen, deren Gehirne zur Größe einer Orange zusammengeschrumpft waren und wir waren allein mit uns.
Lis Ermittlungen gegen Daria Wu brachten nichts ein. Sie verhielt sich außerhalb ihrer Räume völlig normal, nahm ihr Essen stets mit den Männern ein und hielt sich ansonsten aus allem heraus. Das Auffälligste an ihrem Benehmen blieben ihre fast unglaubliche Ordnung und die Tatsache, dass sie sich augenfällig mit nichts wirklich beschäftigte. Nach einigen Wochen der Beobachtung ließen Li und ich von Daria Wu ab und mussten zugeben, dass wir in unseren Ermittlungen noch keinen Schritt auf den Täter zugemacht hatten. Weder konnten wir unserem Gast etwas nachweisen, noch hatte sich eine sonstige Spur verfestigt.
Mit der Zeit ließ mein Elan in dieser Sache deutlich nach. Es gab keine weiteren Toten und die Erinnerung an die Gestorbenen verblasste allmählich.
Auch Silfs Untersuchungen des Galviums und seiner Eigenschaften zogen sich in die Länge. Soviel ich davon verstand, unternahm er Versuche an Labortieren und erstellte daraus komplizierte Prognoseprogramme im Diginetz. Seine Bemühungen blieben lange Zeit ohne Ergebnis und es störte niemanden.
Wir verbrachten die Tage in gleichförmiger Muse. Jeder ging dem nach, worauf er gerade Lust hatte. Einzig Parkspaziergänge oder Badeurlaube boten sich aus den gegebenen Umständen nicht an. Ansonsten standen uns alle Freizeitmöglichkeiten der Station offen und auch die Versorgung mit Lebensmitteln klappte reibungslos. Sandro hatte sogar dafür gesorgt, dass der Alkohol nicht ausging. Zusammen mit seinem Team hatte er mehrere Gerätschaften zur Erzeugung von Maisbier und Obstschnaps ausgetüftelt. Dahin gehende Beschränkungen konnte ich also wieder aufheben und so feierten wir über Wochen hinweg jeden Abend ausufernde Partys, was dazu führte, dass die Station morgens in unheimlicher Stille dalag und sich allenfalls Robots surrend durch die Gänge bewegten.
Diese sorgte auch dafür, dass die Lager gepflegt wurden und sich das Innere der Fabrik weiter in einem vorzeigbaren Zustand befand. Die schweren Geräte für den Galviumabbau schalteten wir ab. Sie standen unbewegt in der Landschaft und zeugten so von dem ehemaligen Grund unserer Anwesenheit auf Hegel III.
Natürlich bot das unerklärliche Verhalten der Zentrale reichlich Gesprächsstoff. Wie konnte es sein, dass wir so hängengelassen wurden? Welchen Anlass gab es dafür?
Hank vermutete, dass einem Technologiewechsel zum Opfer gefallen wären. Es würden schlicht keine Fiktivmotoren mehr gebraucht. Warum man uns deshalb auf Hegel III versauern ließ, konnte er aber auch nicht erklären.
Einen Schritt auf eine befriedigende Erklärung hin machten wir erst an dem Tag, an dem Silf gemeinsam mit Sandro mein Büro in der ersten Etage des Verwaltungstraktes betrat und mich aus meinen Tagträumereien, denen ich mich zu der Zeit gern und regelmäßig hingab, weckte.

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