Die Fabrik (30)

Die folgende Nacht war unruhig. Nicht etwa, weil mich Alpträume plagten, sondern eher im Gegenteil. Ich sah mich in einem Elysium leben, umgeben von schönen Frauen, die alle Ähnlichkeit mit Dariu Wu und Mimi hatten. Robots lasen uns jeden Wunsch von den Lippen ab. Fast schmerzhaft aber war, und deshalb schlief ich auch nicht tief, das Gefühl einer völligen Aufgelöstheit. Als hätte ich auf einmal alle die Wesensinhalte, die mich immer schon behindert hatten, verloren. Das Böse war aus meiner Seele verschwunden und die Lücke, die es hinterließ, schmerzte. Es existierte nur noch das Gute in mir und es strebte danach sich ungehindert mit allem, was mich umgab, zu vereinen.
Verwirrt wachte ich am nächsten Morgen auf. Entsprechend kraftlos kroch ich aus meiner Schlafnische und duschte ausgiebig. Draußen dämmerte ein grauer Tag. Gelbliche Nebel krochen über die Abraumhalden. Darin bewegten sich mit stetigem Gleichmut die Maschinen.
Ich frühstückte in der Kantine. Ein starker Kaffee brachte mich endgültig in die Realität der Station zurück. Ein Problem nach dem anderen tauchte vor mir auf. Auf keines hatte ich eine befriedigende Antwort.
Als ich gerade aufstehen wollte, kam Silf herein, holte sich ein Tablett und setzte sich zu mir. Er sah entsetzlich aus. Mit leiser Stimme begrüßte er mich, biss in einen Brotfladen und fing an mir zu berichten. Er hatte die Nacht damit zugebracht Sams Leiche zu obduzieren.
„Schöne Scheiße“, sagte er.
„Wieso?“, fragte ich.
„Sams Gehirn war fast genauso ausgetrocknet, wie das von McKinlock.“
„Schöne Scheiße“, wiederholte ich Silfs Worte. Er nickte kauend.
„Hatte er auch Spuren von Psychotabletten im Blut?“, wollte ich wissen. Diesmal nickte der Doktor.
„Das heißt, es gibt einen Zusammenhang zwischen den Tabletten und der Austrocknung“, schloss ich.
„Naja“, nuschelte Silf, „einen wissenschaftlich fundierten Zusammenhang würde ich das nicht nennen, aber angesichts der äußerst kleinen Versuchsgruppe …“ Er versuchte ein Lächeln.
„Können sie sich das erklären, Doktor?“
„Ich denke, es muss irgendetwas geben, von dem wir noch nichts wissen, das eine Unverträglichkeit auslöst.“
„Was könnte das sein?“
„Das ist die Frage, nicht? – Irgendetwas Neues von unserem Transporter?“
Ich stand auf und schüttelte den Kopf.

Zur Mittagszeit hatte ich die dritte Vollversammlung innerhalb weniger Tage einberufen. Es wurde Zeit, die Mannschaft über Sams Tod aufzuklären.
„Heute trete ich als euer neuer Stationsleiter vor euch, denn Sam Pieters ist gestern gestorben. Soweit wir wissen erlag er der selben seltsamen Krankheit wie unser Kollege McKinlock. Die Umstände seines Todes waren allerdings weniger spektakulär. Bis zur Klärung der Umstände und dem Eintreffen unseres Versorgers übernehme ich in Absprache mit Dr. Sandro Priormentura Sams Funktion.“
Ich ließ meine Rede kurz wirken und fuhr dann fort: „Des Weiteren möchte ich alle bitten, sich nach Abteilungen sortiert bei Dr.Silf zu einer Untersuchung einzufinden. Wir beginnen mit der Biosektion und arbeiten uns dann durch das Alphabet abwärts. Noch Fragen?“
Einige Männer hoben den Arm. Befriedigende Antworten hatte ich für die wenigsten parat. Ich sah mich aber genötigt, mich noch einmal an die Versammlung zu richten.
„Damit das klar ist, Leute. Wir haben genug Lebensmittel, Wasser und Luft. Das heißt es besteht keine akute Gefahr für unser Leben. Damit das auch so bleibt, machen wir die Untersuchung bei Dr.Silf. Ich bitte euch alle, die Ruhe zu bewahren und euch weiterhin kooperativ zu verhalten. Li wird als neuer Sicherheitsbeauftragter sicher die ein oder andere Frage an euch haben. Nehmt es nicht persönlich und lasst ihn seine Arbeit machen. Wir müssen jetzt zusammenhalten.“
Mit diesem Appell ließ ich es bewenden. Die Versammlung löste sich auf. Nur Daria Wu blieb auf ihrem Platz und wartete, bis alle Kollegen den Raum verlassen hatten. Dann sprach sie mich an.

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