Die Fabrik (29)

Seine Erregung hatte sich noch immer nicht gelegt, als er mit vollem Elan in den Raum gestürmt kam. Ich hatte mich demonstrativ hinter Sams Schreibtischstuhl positioniert. Meine in die Rückenlehne greifenden Hände ähnelten Adlerklauen, die eine fette Beute festhalten. Ohne den vorher konsumierten Brandy wäre ich zu einer solch, im Nachhinein betrachtet, albernen Geste wohl kaum zu bewegen gewesen. So aber bildete ich mir ein, dass ich das von mir beanspruchte Terrain nicht nur mit Worten verteidigen konnte.
Mit besänftigender Stimme bot ich Sandro ein Glas an. Er lehnte ab. Ich goss mir trotzdem nach.
„Also jetzt mal Klartext, Damian“, fing er an. „Das Mindeste wäre es gewesen, dass wir uns über die Besetzung des Chefsessels absprechen. Mir geht die Sache mit Sam bestimmt so nahe wie dir und trotzdem muss ich auch an meine Karriere denken. Das ist mein vorletzter Posten bei der Firma und danach wartet eine Großfamilie auf der Erde auf mich. Verstehst du?“
„Aber natürlich verstehe ich das und ich will genauso ehrlich zu dir sein, wie du es immer zu mir warst.“ Ich hatte keine Ahnung, ob Sandro sich mir gegenüber tatsächlich so tugendhaft verhalten hatte. Ich redete einfach darauf los. Langsam wurde ich betrunken. Das löste meine Zunge. Ich nahm noch einen Schluck.
„Ich will also ehrlich sein, mein Lieber. Denkst du wirklich, dass du der Richtige für diesen Posten wärst?“ Meine Hände krallten sich noch fester in den Plastikbezug des Stuhls.
Sandro wirkte durch meine provozierende Frage einen kurzen Moment lang irritiert. Er bekam sich aber schnell in den Griff und antwortete mit seiner lauten Stimme, die immer etwas antrainiert klang.
„Ich bin genauso gut, wie jeder andere auch. Nur du scheinst zu meinen, dass du besser wärst.“
„Ho, ho“, machte ich. Unsere kleine Unterredung gewann an Fahrt. Das gefiel mir. „Mal langsam, mein Bester! Ich dachte wir sprechen hier über die Herausforderungen, vor denen wir stehen und wer ihnen am besten begegnen kann. Ich habe jedenfalls kein Interesse daran, dich persönlich anzugreifen. Aber vielleicht setzt du dich erstmal und ich lege dir die Situation dar. Anschließend können wir gemeinsam überlegen, was zu tun ist.“ Ich machte eine einladende Geste und er nahm tatsächlich Platz. Auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch. Ich wusste, dass ich gewonnen hatte.

Die weitere Unterredung brachte nichts ein, was uns weiter geholfen hätte. Sandro verstand weder etwas von Kommunikationstechnik noch von Strafverfolgung.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, lehnte ich mich befriedigt zurück. Ich war mir zwar im Klaren darüber, dass ich in den kommenden Tagen ein Auge auf Sandro werfen musste, hatte aber vorerst mein Ziel erreicht.
Heute würde ich sagen, dass ich mich deshalb so sehr an dieses Ziel geklammert hatte, weil ich dringend nach irgendeiner Sicherheit gesucht hatte. Unsere Fabrik war in einen Strudel geraten und ich hielt mich mit aller Kraft an etwas fest, was mir etwas Halt verhieß. Sams Büro schien mir dieser Ort der Sicherheit zu sein, nach dem mich verlangte.
Gelassen stand ich auf, trank den letzten Schluck aus und ging in mein Quartier. Dort überlegte ich, wann es angebracht sein würde, in Sams Kabine umzuziehen. Ich beschloss damit zu warten, bis sich alle an meine neue Funktion gewöhnt hatten.
Entspannt und immer noch angeheitert ließ ich mich in meinen Sessel fallen. Tiefe Zufriedenheit breitete sich in mir aus. Manche hätten diesen Zustand vielleicht als Glück bezeichnet. Alle Probleme, die die Morde, das ausbleibende Transportschiff und die kaputten Nachrichtenkapseln mit sich brachten, waren für diesen Moment wie weggeweht.

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