Die Fabrik (28)

Als ich diesmal die weißen Flügeltüren öffnete, fielen mir neben der Flasche einige Notizbücher auf und etliche Packungen von Silfs Psychopillen. Bis dahin hatte ich stets angenommen, dass Sam das Leben auf Hegel III auch ohne die üblichen Mittelchen ertragen hatte. Jetzt wurde mir klar, dass Sam nicht nur hin und wieder mal eine Tablette genommen, sondern gleich mehrere verschiedene Präparate gleichzeitig geschluckt hatte. Ich konnte angesichts dieser Erkenntnis eine gewisse Enttäuschung nicht unterdrücken. Sam galt mir immer als Vorbild und natürlicher Verbündeter. Von seinen Schwächen und Problemen hatte ich wohl zu wenig wissen wollen, als dass er sie mir gegenüber offenbart hätte.
Ich griff nach dem Notizbuch, das auf einem Stapel zu oberst lag, und schlug es auf.
Niemand, den ich kannte, schrieb noch mit der Hand. In den Schulen wurde Handschrift zwar noch gelehrt, bei den meisten verkümmerte diese Kenntnis aber im Lauf der Jugendzeit. Dementsprechend unsicher wirkte auch Sams Schrift. Es war für mich unmöglich, mehr als ein, zwei zusammenhängende Wörter zu lesen. Trotzdem verstand ich sofort, worum es in diesen Aufzeichnungen ging. Sam musste sich intensiv mit Galvium befasst haben.
Nachdem ich eine knappe halbe Stunde in Sams Notizen geblättert hatte, fiel mir auf, dass er häufig von irgendeiner Strahlung geschrieben hatte. Dieser Umstand war deshalb besonders auffällig, weil ich in Zusammenhang mit Galvium noch nie von irgendeiner Strahlung gehört hatte. Würde der Stoff, den wir auf Hegel III tonnenweise förderten und verarbeiteten, strahlen, wären völlig andere Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit dem Gestein nötig gewesen. Als ich Sams Notizbücher schloss, war ich mir sicher, dass ich etwas falsch verstanden haben musste. Ich legte die Bücher wieder an ihren Ort. Dabei stieß ich mit dem Bücherstapel an ein kleines Behältnis, das weiter hinten im Schrank gelegen hatte. Ich holte es hervor und öffnete es. Darin befanden sich mehrere Exemplare der insektenartigen Tiere, die es früher auf diesem Planeten gegeben hatte. Sie waren im Schutz der wattierten Schachtel längst zu skurril verrenkten, braun-rötlichen Außenskelettformen zusammen getrocknet.
Einem Reflex folgend steckte ich das Schächtelchen in eine Tasche meiner Kombination.
In diesem Moment erschien Sandros Gesicht auf der Bildoberfläche meines Diginetzanschlusses. Ich öffnete den Akustikkanal.
„Na, Sandro, hast du auch schlecht Nachrichten für mich?“
„Im Gegenteil, Damian.“ Er strahlte über das ganze Gesicht. „Ich bin alle Bioeinheiten durchgegangen. Es schaut hervorragend aus. Wenn Sam will, können wir in Zukunft sogar Lebensmittel exportieren.“
Meine mimische Reaktion auf diese Worte, ließen Sandro sofort verstummen.
„Sam wird nichts mehr wollen können. Er ist heute gestorben. Ich habe die Leitung der Station bis auf Weiteres übernommen.“
„Oh, mein Gott“, röchelte der Biologe. „Das ist ja entsetzlich!“ Er sammelte sich. Ein widersprüchlicher Gedanken schien ihn kurz zu beschäftigen.
„So schrecklich das alles ist, Damian, … Vielleicht kannst Du mir erklären, wie du auf die Idee gekommen bist, Sams Büro zu übernehmen. Darf ich dich daran erinnern, dass ich nach Sams Tod das dienstälteste und ranghöchstes Mitglied der Besatzung bin?“
Sandro hatte recht. Den Regeln der Firma folgend wäre er an der Reihe gewesen. Angesichts der Todesfälle und der Schwierigkeiten, die uns ein ausbleibender Transporter machen konnte, war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass nur ich Sams Position einnehmen konnte.
„Sandro, es tut mir leid. Ich will dir meine Entscheidung gern erklären. Was hältst du davon, wenn du auf ein Glas zu mir kommst?“
„Du meinst, in dein Büro?“, fragte er mit einer Stimme voller Spott.
Ich nickte.

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