Die Fabrik (26)

Kaum hatte ich den Verwaltungstrakt erreicht, summte mein Kommunikator.
„Was gibt’s denn noch, Silf?“, fragte ich etwas entnervt in das Gerät hinein. Ich war mir eigentlich sicher, dass ich ihm klare, unmissverständliche Anweisungen gegeben hatte.
„Noch einen Toten, Damian“, antwortete Silf knapp.
„Wie bitte?“, stieß ich hervor. Im selben Moment wurde mir klar, von wem der Doktor sprach. „Ich komme sofort.“
Ich rannte völlig kopflos durch die Flure, deren weiße Einheitlichkeit mir das Gefühl vermittelte, als bewegte ich mich durch ein durch künstliches Licht erhelltes Nichts. Schwer atmend kam ich im Wohntrakt an. Sinnloserweise straffte ich meine Uniform, bevor ich die Kabine betrat, die ich eine knappe Stunde zuvor schon einmal besucht hatte.
Ich fand Silf vor, der über Sams am Boden liegenden Körper kniete. Neben ihm stand geöffnet sein Arztkoffer. Der Kopf des Toten lag in einer Wasserlache.
Silf schaute zu mir auf. Verzweiflung und echtes Entsetzen standen ihm ins Gesicht geschrieben.
„Sie hätten mich früher informieren müssen. Sein Zustand konnte ihnen doch nicht entgangen sein“, sagte er leise. „Jetzt kann ich nichts mehr für ihn tun.“
Der Doktor hatte natürlich recht. Eine Antwort auf seinen Vorwurf erübrigte sich. Ich ließ mich in einen Sessel fallen. Ein übermächtiges Schuldgefühl presste mein Herz zusammen.
„Wissen sie schon etwas Genaueres?“
„Die Leiche hat noch annähernd Körpertemperatur. Das heißt, er ist erst vor ein paar Minuten gestorben.“
„Verdammt! Was machen wir jetzt nur?“, fragte ich, ohne damit den Doktor zu meinen. Es war eher, als hätte ich von Sam einen letzten Rat erbeten.
„Was wir jetzt machen? Also, ich weiß, was ich jetzt mache. Ich hole eine Transportliege und schaffe Sam zur Obduktion“, meinte Silf im Aufstehen. „Und sie, mein Lieber, sollten sich Gedanken machen, wie wir diese Katastrophe hier in den Griff bekommen.“
Er ließ mich allein mit der Leiche zurück. Sie war äußerlich völlig unversehrt. Nur die verzerrten Gesichtszüge deuteten darauf hin, dass dort kein Schläfer lag, sondern ein Toter.
Silf kam schnell zurück. Ich half ihm den Körper auf die Trage zu legen.
„Bitte, Doktor, sprechen sie zunächst mit niemandem darüber. Ich informiere alle, sobald ich es für sinnvoll halte. Geben sie mir aber sofort Bescheid, wenn sie etwas über die Todesursache wissen.“
Silf deckte die Leiche mit einem Tuch zu und nickte stumm. Gemeinsam verließen wir die Kabine.

Ich nahm die Gesichter der Männer, denen ich auf dem Rückweg zu Sams Büro begegnete nicht wahr. Allein ihre Stimmen genügten, um einen schmerzhaften Widerspruch zwischen meinen dunklen Gedanken und den heiteren Gesprächen unter Kollegen zu erzeugen. Aus dem Gehörten entnahm ich gerade so viel, um zu erfahren, dass das Ausbleiben des Versorgers zwar Thema war, die allgemein gute Laune aber nicht besonders trübte.
Im Büro angekommen erreichte mich die nächste Hiobsbotschaft. Hank teilte mir über das Diginetz mit, dass alle Nachrichtenkapseln mutwillig beschädigt worden waren. Eine genaue Diagnose stand noch aus, aber sicher war, dass sich keine der Kapseln mehr in funktionstüchtigem Zustand befand. Ich spürte die letzte Energie aus mir heraus fließen. Kraftlos und ohne jede Hoffnung sank ich auf dem Schreibtischstuhl zusammen. Mein Blick ruhte lange Minuten bewegungslos auf dem Galviumbrocken vor mir.

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