Die Fabrik (25)

Ich wartete vergeblich. Das Schiff kam nicht. Der Tag verstrich und auf der durch die schweigenden Maschinen an sich schon leisen Station wurde es noch ein wenig stiller. Jedem war klar, was das Ausbleiben des Versorgers bedeutete. Ich musste eine Versammlung einberufen, bevor allzu wilde Spekulationen die Runde machten. Vor der Zusammenkunft begab ich mich zu Sam.
„Hast du so etwas schon erlebt?“ wollte ich wissen.
Er lag auf einer dünnen Plastikmatte, die er auf dem Boden seiner Kabine ausgebreitet hatte, und schaute zu mir auf. Seine Augen schienen Probleme damit zu haben, mich genau zu fixieren. Immer wieder glitt sein Blick an meinem Gesicht vorbei zur Wand hinter mir, wo seine Staffelei stand. Sie stand unverhüllt. Darauf Sams letztes Bild, ein in grellen Farben gemaltes und auf jeglichen 3D-Effekt verzichtendes Szenario, das deformierte Maschinen zeigte und schwankende Gebäude.
Neben Sams Lager stand ein Krug. Er bat mich, ihn zu füllen.
„Kein Schiff?“, röchelte er. Sein Mund zog sich dabei in tiefer Verzweiflung nach unten. „Kein Schiff?“
„Nein, Sam, und ich möchte wissen, ob Du so etwas schon einmal erlebt hast“, insistierte ich, während ich den Krug neben ihn stellte.
Er drehte sich danach um, hob das gläserne Gefäß schwerfällig hoch und trank daraus. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein.“
„Sam, du siehst furchtbar aus. Ich werde Silf bitten, nach dir zu sehen. Das kann so nicht weiter gehen. Was ist den überhaupt los mit dir? Seit diese Wu hier ist, degenerierst du regelrecht.“
Er nahm meine Sorge hin, stöhnte leise, aber antwortete nicht. Stattdessen schickte er mich mit einer schwachen Handbewegung aus seinem Quartier.
„Ich werde Silf holen. Nach der Versammlung wird er nach dir sehen“, wiederholte ich meine Ankündigung, als ich ging.

Ich betrat die Kantine. Stumme, neugierige Gesichter verfolgten meinen Gang ans Stehpult. Die Anspannung übertrug sich auf mich. Ich fühlte mich, als müsste ich eine Lähmung überwinden, um zu der Gruppe sprechen zu können. Mit knappen Worten schilderte ich die Situation. Viel gab es dazu ja nicht zu sagen.
Ich war mir im Klaren darüber, dass die Mannschaft in dieser Lage eine starke Führung benötigte. Es galt mit allen Mitteln Unruhe und Unsicherheit zu verhindern. Wir konnten nun alles gebrauchen, nur keine revoltierende Horde verzweifelter Menschen. Also tat ich so, als hätte ich einen ausgereiften Notfallplan in der Tasche. Sandro teilte ich die Aufgabe zu, die Vorräte zu prüfen und Vorschläge zu entwickeln, wie wir unsere Selbstversorgung optimieren konnten. Der Alkoholausschank wurde für unbestimmte Zeit eingestellt. Hank und sein Team sollten sich die drei Nachrichtenkapseln ansehen und überlegen, wie wir damit mit dem Rest des Universums Kontakt aufnehmen konnten.
„Wir wissen nicht, ob das Schiff nur Verspätung hat. Vielleicht erreicht es uns in den nächsten Tagen. Trotz dieser Hoffnung bitte ich alle, diszipliniert zu bleiben und stats daran zu denken, das Beste aus unserer Lag zu machen. Scheuen sie sich nicht, Ideen zu äußern. Mein Büro steht jederzeit dafür offen. Danke“
Ich entließ die Belegschaft mit dem guten Gefühl, alles getan zu haben, um die Situation im Griff zu behalten.
„Doktor, warten sie bitte noch einen Moment“, rief ich Silf hinterher.

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Ein Gedanke zu “Die Fabrik (25)

  1. „Alkohol“, sagte Silf, und er lächelte nicht, „sollte man nicht in Dosen von über 1,5 l pro Tag zu sich nehmen.“
    „Er trinkt das Zeug aus Krügen, nicht aus Dosen“, gab ich zurück.
    „Leck mich am Arsch!“
    Der Doktor wandte mir brüsk den Rücken zu.
    Ich grinste in mich hinein und spielte mit dem Flachmann in meiner Tasche.

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