Die Fabrik (24)

Vier Tage später mussten wir die gesamte Fertigung einstellen. Die Männer erhielten bezahlten Sonderurlaub, die Ausschankbedingungen für Alkohol wurden gelockert, die an sich schon gute Stimmung verwandelte sich in eine allgemein geteilte Laune, die jeden ansteckte und überall zu spüren war.
Nur zwei Männer konnten dem Ganzen wenig abgewinnen. Der eine war ich, der andere Sam. Sam wirkte zunehmend verstört. Sein Äußeres war zu einer grotesken Maske geworden. Meinen Vorschlag sein Versteckspiel langsam zu beenden lehnte er aber vehement ab. Er glaubte nach wie vor, dass Dariu Wu wegen ihm zu uns gekommen war, und er blieb fest entschlossen, herauszubekommen, warum.
Mir erschien Sams Strategie immer unsinniger. Ich fragte mich und ihn, warum er sich der Situation nicht einfach stellte. Was hatte er schon zu befürchten? Er befand sich auf heimischem Terrain und war von einer Belegschaft umgeben, die treu zu ihm stand.
Ich beschloss das Schicksal der Fabrik in die eigenen Hände zu nehmen. Sam war mir in diesen Tagen keine Hilfe mehr.
Li hatte in der Zwischenzeit herausgefunden, dass McKinlock in eine Dreiecksbeziehung mit zwei anderen Männern aus der Belegschaft verstrickt gewesen war. Solche Affären gab es ständig. Manche hielten den Entzug körperlicher Nähe einfach nicht aus und suchten deshalb früher oder später die Nähe zu ihren Geschlechtsgenossen. Das war nichts Außergewöhnliches. Hin und wieder kam es deshalb zu Konflikten und Spötteleien. Sicher hätte hier ein Motiv für den Mord liegen können, es erklärte aber nicht, wie der Mörder den grausamen Tod McKinlocks herbeigeführt haben konnte.
Obwohl ich nicht an diese Spur glaubte, setzte ich Li darauf an. Es konnte nicht schaden, wenn einer von uns beiden die Belegschaft im Blick behielt und den Täter, falls er sich darunter befinden sollte, verunsicherte.
Ich dagegen widmete mich meinen Spekulationen, die abwegige Möglichkeiten wie Angriffe aus dem Weltall oder das Wirken bisher unbekannter Kleinstorganismen einschlossen. All diese Ansätze diskutierte ich abends in der Bar mit Mimi. Deren Verhältnis zu Hank hatte sich verstetigt. Der Korb, den ich ihr erteilt hatte, hatte sie wieder direkt in seine Arme getrieben. Die beiden gingen mittlerweile soweit, ihre Zuneigung öffentlich zu zeigen. Ich begann mich zu fragen, was geschehen würde, wenn mit dem Schiff, das wir in zwei Tage erwarteten, Nachrichten von ihrer Familie eintrafen.
Anders als sonst spielte die Ankunft unseres Versorgungstransporters in den Gesprächen der Männer keine Rolle. Wären nicht die Abreisevorbereitungen der wenigen Arbeiter mit ausgelaufenen Vertrag gewesen, hätte man glatt vergessen können, dass das bevor stand, was wir gewöhnlich mit brennendem Herzen erwarteten.
Am Tag vor der Ankunft des Schiffes begab ich mich früh in Sams Büro, um den Funkspruch des Transporters abzuwarten. Dieser Funkkontakt erfolgte in der Regel direkt nach dem Sprung und signalisierte die genaue Ankunftszeit des Versorgers.

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