Die Fabrik (23)

Silf wollte etwas von mir. Er forderte mich auf, gleich in die medizinische Abteilung zu kommen. In seiner Stimme schwang so etwas wie unterdrückter Triumph mit. Neugierig eilte ich durch die Flure.
„Diese Biologen verstehen leider so gar nichts vom echten Handwerk. Denen kann man einen offenen Knochenbruch zeigen und sie sehen nichts. Das ist jedenfalls meine Meinung.“
Silf rieb sich die Hände. Er stand in selbstbewusster Pose hinter der Leiche, als ich eintrat.
„Hätten sie gleich mich gefragt, wären sie mit ihren Ermittlungen schon längst ein gutes Stück weiter“, fuhr er fort und kam dabei um den Obduktionstisch herum auf mich zu. Immer noch rieb eine Handfläche gegen die andere und erzeugte dabei ein trockenes, schabendes Geräusch.
Wieder lag da die Leiche McKinlocks. Ihr Zustand hatte sich seit unserer letzten Begegnung nicht verbessert. Noch mehr Schnitte und eilig zugeschnürte Öffnungen verteilten sich auf der weißlichen Haut. Neu war eine grobe Naht an der Stirn des Toten.
„Ich habe mir mal das Gehirn genauer angesehen. Besser gesagt das, was davon übrig ist. Das ist nämlich nicht mehr allzu viel.“ Silf ballte eine Hand zur Faust. „Mehr ist da nicht mehr drin.“ Er pochte mit der Faust auf McKinlocks malträtierten Schädel. „Es ist so, als hätte man dem Armen alle Flüssigkeit aus dem Hirn gesogen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Sein Stoffwechsel muss völlig verrückt gespielt haben.“
„Haben sie eine Erklärung dafür?“, fragte ich. „Kann so etwas spontan auftreten?“
Silf lachte und antwortete knapp: „Nein.“
„Dann haben wir es also doch mit Mord zu tun“, folgerte ich.
„Nun ja. Dazu müssten wir erst einmal wissen, wie es zu dieser Reaktion gekommen ist. Nicht? Bisher konnte ich keine Stoffe feststellen, die diese Exsikkose hervorgerufen haben könnte. Aber ich bleibe am Ball und gebe ihnen Bescheid.“
„Könnte denn diese Austrocknung etwas mit dem Fundort der Leiche zu tun haben?“, wollte ich noch wissen.
„Das ist schon möglich“, sagte der Mediziner. „Im Todeskampf muss McKinlock ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Flüssigkeitszufuhr gehabt haben. Ein Körper wehrt sich ja bis zum Schluss mit allen Mitteln gegen die eigene Vernichtung. Vielleicht kam es deshalb dazu, dass der Sterbende den Ort aufgesucht hat, wo er am meisten Wasser vermutete. Das ist zwar absurd, aber bei klarem Verstand war der Arme sicher längst nicht mehr, eher wie ein auf bloße Instinkte reduziertes Tier.“
Ich nickte. „Es tut mir leid, Doc, dass ich sie nicht gleich eingeschaltet habe. Vielen Dank, dass sie sich der Sache angenommen haben. Sie haben recht, wir sind jetzt wirklich ein gutes Stück weiter.“

In Sams Büro ließ ich mir die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal durch den Kopf gehen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto verwirrter wurde ich. Zwar konnte ich mir nun erklären, warum wir die Leiche an diesem ungewöhnlichen Ort und in so entstellter Haltung gefunden hatten, die Fragen nach Motiv, Tathergang und Täter lagen aber nach wie vor im Dunklen und je mehr ich versuchte, die wenigen Fakten zur Beantwortung dieser Fragen zusammenzuführen, desto mehr schien sich die Dunkelheit auszubreiten.
Um mich nicht völlig darin zu verlieren, wendete ich mich den Geschäften der Fabrik zu. Über das Diginetz ließ ich mir die aktuellen Zahlen der Produktion anzeigen und wurde erneut überrascht. Trotz der von mir angeordneten Qualitätsoptimierung waren unsere Fertigungsraten in den vergangenen 24 Stunden wieder gestiegen. In einigen Bereichen mangelte es jetzt schon an Einzelteilen und Rohstoffen. Ich musste darauf reagieren und schreib eine Nachricht an die Leiter der betroffenen Produktionsabschnitte. Sie sollten ihren Mitarbeitern großzügig Freizeit gewähren. Außerdem erwartete ich Vorschläge zu außerplanmäßigen Schulungsmeetings.

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2 Gedanken zu “Die Fabrik (23)

  1. Alkohol kann auch so eine Schrumpfung des Gehirns verursachen. Allerdings nur bei Konsum von über 1,5 l am Abend!

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