Wahrheit

Im Kollegenkreis erzählte Dr.Harten gern von der Behandlung eines Mannes in den frühen achtziger Jahren.
„Wobei es der Begriff Behandlung vielleicht nicht ganz trifft“, pflegte Dr.Harten anzumerken.
Wie es auch sei. Er hatte jedenfalls gerade erst seine erste Praxis eröffnet. Seine Menschenliebe zeigte zwar schon erste Schrammen, war aber noch nicht zu dem grenzenlosen Zynismus geworden, den er später unter dem weißen Mäntelchen der Professionalität verborgen hielt.
Zu dieser Zeit betrat ein Patient seinen Behandlungsraum, der trotz seiner jungen Jahre schon eine wahre Odyssee über die Gewässer der Medizin und im Besonderen der Psychologie hinter sich hatte. Zu Dr.Harten kam er eigentlich nur, um sich eine entzündliche Geschwulst am rechten Unterarm entfernen zu lassen. Während der Behandlung erfuhr der Arzt aber von der Leidensgeschichte seines Patienten.
Er wurde von schweren Sorgen geplagt, von Minderwertigkeitsgefühlen und manch anderer seelischer Pein. Keine der üblichen Methoden hatte bei ihm angesprochen. Im Gegenteil sein Zustand verschlimmerte sich von Gesprächstermin zu Gesprächstermin, von Gruppensitzung zu Gruppensitzung. Kurz: Der junge Mann war völlig ratlos und so redete und redete er auf den Doktor ein, der versuchte, die Geschwulst an seinem Arm zu operieren. Die Sache zog sich in die Länge und Dr.Harten verlor die Nerven. Es war das erste Mal von unzähligen Malen, die während seiner langen ärztlichen Karriere noch folgen sollten.
Er schrie seinen Patienten an, warf ihm vor, was für ein Weichling er doch sei. Ja, er verstieg sich zu der Aussage, dass selbst eine Stubenfliege mehr Rückgrad besäße als der Kranke. Er solle sich gefälligst etwas zusammenreißen und das bisschen Weltschmerz, das ihn so belastete, einfach mal vergessen. Harten schrie bis ihm der Schweiß von der Stirn tropfte. Dann hielt er plötzlich inne, denn sein junger Patient hatte sich von seinem Stuhl erhoben und stand freudestrahlend vor ihm. Aus der Wunde an seinem Unterarm rann Blut. Er dankte dem Doktor und dankte ihm noch mal. So hätte bisher niemand mit ihm gesprochen und dabei seien Hartens Worte doch genau das, was er brauchte: die Wahrheit.
Seit diesem Termin kam der Mann immer wieder in die Praxis und Dr.Harten sah sich gezwungen ein, zweimal im Monat seine Show abzuziehen. Er brachte sich dafür mit Melissengeist in Stimmung. Wenn er ehrlich war, halfen diese Sitzungen nicht nur seinem Patienten.

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