Die Fabrik (19)

„Damian, du bist echt ein netter Kerl, aber manchmal bist du einfach zu unentspannt.“
„Das höre ich nicht zum ersten Mal. Was soll ich machen?“
„Du könntest mich zum Beispiel jetzt küssen“, schlug Mimi unverblümt vor.
Ich stand auf und ging, von ihr beobachtet, im Raum herum. Diese Anmache war wirklich zu viel für mich. Da hatte ich mich die ganze Zeit über wie ein echter Gentleman verhalten, war ihr nicht zu nahe gekommen, weil ich meinte, ihre Gefühle respektieren zu müssen, und am Ende wollte sie plötzlich so eine Spontannummer in meiner Kabine abziehen.
„Das geht so nicht, Mimi“, sagte ich schließlich.
„Wie geht es denn dann?“, fragte sie belustigt.
„Es geht gar nicht. Es geht nicht, weil … weil …“ Jede Erklärung die ich hätte abgeben können, erschien mir zu albern, als dass ich sie ihr gegenüber äußern wollte.
„Vergiss es“, stieß ich hervor. „Vielleicht ist es einfach zu spät für uns beide.“
„Du meinst es ist zwischen uns schon zu kompliziert für einfachen Sex?“
Ihre Direktheit war überaus verwirrend. Mir blieb nichts als zustimmend zu nicken.
„Verstehe“, sagte sie. „Dann lass uns wenigstens noch den Wein austrinken. Oder geht das auch nicht?“

Als Mimi gegangen war, legte ich mich sofort schlafen. Mein alkoholgeschwängertes Gehirn reproduzierte immer wieder die gleiche Szene. „Du könntest mich zum Beispiel küssen.“ Es kam mir vor wie ein schlechter Scherz und tatsächlich konnte ich ab der circa hundertfünfzigsten Wiederholung darüber lachen. Es erschien mir wunderbar, dass wir zwar in einer fast vollständig technisierten Umwelt lebten, aber sich unter den Menschen immer noch solche Szene abspielten. Ein Zeichen dafür, dass zwischen Maschinen, Diginetzen und Robots tatsächlich Leben existierte. Dieser Gedanke beruhigte mich und so schlief ich in dem sicheren Bewusstsein am richtigen Ort zu sein ein.

Am nächsten Morgen machte ich mich nach dem Frühstück auf in die Kantine, die über Nacht dem Anlass entsprechend bestuhlt worden war und allen Kollegen Platz bot. Kaum hatte ich meine Kabine verlassen lief mir Silf über den Weg.
„Guten Morgen, Damian“, begrüßte er mich. Er war anscheinend bester Dinge.
„Guten Morgen, Doktor“, grüßte ich zurück. „Na, was machen die Patienten?“
„Welche Patienten? Seit dieser junge Mann aus der Bioabteilung bei mir war, hat kein Mensch mehr meine Hilfe in Anspruch genommen.“
Es durchfuhr mich wie ein Blitz. „Moment mal“, rief ich aus und hielt Silf am Ärmel seiner Jacke fest. „Was haben sie da gerade gesagt?“
Der Arzt sah mich erschrocken an.
„Dass ich keine Patienten mehr habe“, antwortete er eingeschüchtert.
„Nein, das meine ich nicht. Wie hieß dieser Mann aus der Biosektion?“
„Irgendein schottischer Name, glaube ich.“
„McKinlock vielleicht?“
„Ja, gut möglich. Aber woher wissen sie das? Warum interessiert sie das überhaupt.“
„Das werden sie gleich erfahren.“ Ich ließ ihn los und wir gingen weiter, bis wir die Tür zur Kantine erreicht hatten. Davor wandte ich mich noch mal an Silf.
„Doktor, haben sie McKinlock irgendetwas gegeben?“
„Nein. Das heißt, nichts als das Übliche. Nur meine kleinen Glücksbringer.“
„Verstehe. Kann es sein, dass bestimmte Patienten die Pillen nicht vertragen?“, wollte ich noch wissen.
„Sie meinen Nebenwirkungen? Nein. Die Medikamente sind schon ewig im Einsatz und ich habe noch nie von Komplikationen gehört.“
Ich nickte und wir betraten den Raum, in dem schon ein Großteil der Belegschaft wartete. Ohne viel Umschweife begab ich mich an das gläserne Rednerpult. Dort stehend wartete ich auf die letzten Nachzügler.

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