Die Fabrik (18)

„Aber kannst du mir vielleicht erklären, warum unser Unfallopfer hier mit gefetztem Gesicht unter dem Floater lag?“
„Nö, muss ich auch nicht. Das ist dein Job. Viel Spaß damit. Ich muss mich jetzt um die Nahrungskette kümmern. Wenn du mich entschuldigen würdest.“
Mit wehendem Mantel verließ Sandro den Raum und ließ mich allein mit dem Toten zurück. Durch die Obduktion sah der Leichnam noch erschreckender, noch entmenschlichter aus. Es grauste mich und doch musste ich ihn ansehen. Ich starrte ihn regelrecht an, als könnte er mir sein Geheimnis in der Kälte des Lagerraums, den Sandro zu einem improvisierten Operationsraum gemacht hatte, verraten. Der Tote schwieg wie alle Toten schweigen und auch ich stand nur still daneben, lebendig zwar, aber ratlos. Ich mochte nicht an einen Unfall glauben, auch wenn Sandro Befund etwas anderes aussagte. Immerhin fasste ich den Entschluss, die Belegschaft am kommenden Morgen über McKinlocks Tod zu informieren. Eine entsprechende Nachricht schickte ich gleich darauf von Sams Büro aus an alle Mitarbeiter.

Das Abendessen nahm ich an diesem Tag entgegen meiner Gewohnheit in meiner Kabine ein. Ich hatte Mimi dazu eingeladen. Natürlich wollte ich vor allem wissen, was es mit ihr und Hank stand. Ich wollte sie aber nicht direkt fragen, sondern abwarten, was sie mir von sich aus erzählen wollte.
Zu meiner Enttäuschung erzählte sie davon gar nichts. Vielmehr plauderte sie fröhlich darauf los. Sie fühle sich wunderbar, sagte sie, die Arbeit mache ihr Spaß. Außerdem wollte sie heraus bekommen, warum ich alle zu einem Treffen zusammengerufen hatte. Die Männer würden schon spekulieren.
Ich hielt mich in diesem Punkt bedeckt, wollte die Katze nicht vorzeitig aus dem Sack lassen. So kam es, dass unser Essen von einer gänzlich anderen Stimmung begleitet wurde, als unsere früheren gemeinsamen Abende. Die Spannung, die zwischen uns stand, war unangenehm. Trotzdem freute ich mich, Mimi einmal wieder für mich zu haben und so beschloss ich, eine freundliche Miene aufzusetzen und mich von ihrem Überschwang anstecken zu lassen. Nach drei Gläsern Wein lachte ich befreit. Für einige Minuten konnte ich McKinlock und die Probleme mit der Fertigung in unserer Fabrik vergessen.
Später unternahm ich dann doch noch einen Versuch Mimi aus der Reserve zu locken. Meine Neugier war übermächtig und der Alkohol hatte meine Hemmungen weggespült.
„Denkst du viel an deine Familie?“, fragte ich.
„Ja, aber es ist mehr wie eine ferne Erinnerung. Es macht mich glücklich zu wissen, dass ich zu jemand zurück kommen kann, wenn ich hier fertig bin. Aber der Trennungsschmerz ist irgendwie verschwunden.“
„Wie kommts?“ hakte ich nach.
„Weiß ich auch nicht so genau. Seit ein paar Tagen fühle ich mich hier so aufgehoben. Ich konnte ja nie verstehen, dass du diesen ausgebeuteten Planeten als deine Heimat bezeichnet hast. So langsam weiß ich, was du damit meinst. Gar nicht so übel hier oben!“
Wir stießen darauf an und sie sah mich mit ihren großen blauen Augen an, die wie fast immer diesen schelmischen Ausdruck hatten, der mich so an ihr faszinierte. Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Du scheinst ja auch neue Freunde gefunden zu haben“, warf ich nach einem kurzen, ruhigen Moment ein.
„Ah, daher weht der Wind“, nahm sie meine Anspielung auf und lächelte. Um ihren Mund erschienen zwei zauberhafte Grübchen. „Du willst mich über den Abend ausfragen, den ich mit Hank verbracht habe.“
„Um ehrlich zu sein, das beschäftigt mich schon etwas.“
Fast etwas mitleidig blickte sie zu mir herüber.
„Hank ist ein prima Kerl und ich bin auch nur eine Frau“, erklärte sie mir. „Mach dir darüber nicht so viel Gedanken. Das hat alles nichts zu bedeuten.“
„Es ist nur so, dass ich dich nicht so kenne, Mimi.“
„Ich vermute, dass du mich so auch nicht kennen willst. Stimmts?“
„Bei mir hast du dich jedenfalls immer anders verhalten.“
„Ja? Wie denn?“
Ich musste mich kurz sammeln, trank einen Schluck, um meinen Gedanken etwas Zeit zu verschaffen. Unser Gespräch lief in eine Richtung, die mir nicht gefiel.
„Na ja, mir gegenüber hast du dich immer sehr zurückhaltend gezeigt.“
„Du doch auch.“
„Aber doch nur weil ich dachte, du wärst deinem Mann treu.“
„Das bin ich doch.“
„Und was ist mit Hank?“
„Dem bin ich nicht treu“, lachte sie, kam um den Tisch und setzte sich neben mich.

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