Die Fabrik (17)

„Manchmal denke ich“, fuhr er fort und wand sich wieder seiner Staffelei zu, „dass dieses ganze Streben danach, das Böse zu bekämpfen, zu überhaupt nichts führt. Im Gegenteil.“
„Im Gegenteil?“, fragte ich irritiert. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sam auf meine Neuigkeit mit philosophischen Überlegungen reagieren würde.
„Ja. Viele Menschen glauben, dass die Welt und all das durch Gegensätze bestimmt wird. Feuer – Wasser, Schwarz – Weiß, Gut – Böse. Hast du schon einmal daran gedacht, dass diese Begriffe gar keine Gegensätze bilden? Gut, das Wasser löscht das Feuer. Da kann am Ende vielleicht wirklich nur eins von beiden die Oberhand behalten. Aber wie ist das bei Gut und Böse? Was passiert, wenn ich vom Bösen etwas wegnehme? Braucht es nicht die Schuld damit es Erlösung geben kann?“
„Erlösung, Sam? Ich wusste gar nicht, dass Du religiös bist.“
„Darum geht es doch hier gar nicht. Mir geht es nur darum, die Zusammenhänge zu sehen statt der Gegensätze“, murrte er von der Staffelei zu mir herüber, so als hätte er das Interesse an unserer Unterhaltung bereits verloren, weil ich nicht sofort den Sinn seiner Ausführungen verstanden hatte.
„Weißt du diese Technik mit der ich diese Bilder fertige, ist wirklich schwierig anzuwenden. Dafür benötigt man viel Geduld und darf nicht zu sehr auf das Ergebnis fixiert sein.“
„Aha“, meinte ich. Sams Leidenschaft für Kunst kam mir antiquiert vor. Sie passte so wenig zu einem modernen Mann seines Kalibers. Ich hatte davon gehört, dass die Menschen früherer Zeiten sich mit heute nicht mehr vorstellbarer Hingabe für Musik, Literatur und ähnliche Dinge begeistert und sogar aufgeopfert hatten. Wie mussten sich die Umstände geändert haben oder die Menschen! Nun, Sam schien irgendetwas daran zu finden, Bilder zu entwerfen, für die sich außer ihm und vielleicht einigen hundert anderen, über die Milchstraße verteilten Wesen niemand interessierte.
„Kannst du dir denn vorstellen, wer Interesse am Tod dieses Mannes gehabt haben könnte?“, kehrte ich zum eigentlich Anlass meines Besuchs bei Sam zurück.
„Wirklich, Damian, ich habe keine Ahnung. Außerdem ist das ja nun wirklich dein Fall. Zeig was du kannst. Ich bin sicher, dass du uns bald eine hieb- und stichfeste Geschichte liefern wirst. Günstig wäre es natürlich, wenn uns der Täter mit dem nächsten Schiff verlassen könnte.“
„Wenn es denn einen Täter gibt.“
„Wenn es einen Täter gibt. Ja.“

Um diese Frage zu klären, war ich auf Sandros Untersuchungsbericht angewiesen. Ich begab mich also direkt von Sams Quartier ins Labor unseres Biologen. Beim Öffnen der Stahltür schlug mir ein widerlicher Geruchscocktail gemixt aus Kälte, Desinfektionsmitteln und Fleisch entgegen. Sandro stand gebeugt über der Leiche. Die gelben Plastikhandschuhe über seinen Händen waren rosa gefärbt.
„Ah, Damian, gerade zur rechten Zeit. Ich bin einmal grob durch. Also nach einem Gewaltverbrechen schaut es nicht gerade aus“, eröffnete mir Sandro ohne Umschweife.
„Was heißt das“, fragte ich.
„Das heißt, dass ich bisher nichts finden konnte, das auf Fremdeinwirkung schließen ließe.“
„Hast du auch sein Blut untersucht?“
„Willst du mich beleidigen? Natürlich habe ich sein Blut untersucht. Nichts außer den üblichen Spuren aus Silfs Hausapotheke.“
„Psychopharmaka und sonst nichts? Wie sicher ist das?“
„Herrgott noch mal, Damian. Wie sicher? Dir dürfte doch auch klar sein, dass ich nicht auf jede mögliche Substanz prüfen kann. Das muss schon noch im Rahmen bleiben.“
„O.K., O.K., ist dir sonst etwas merkwürdig erschienen?“
„Ja, Damian, der Kerl da ist tot.“ Er lachte und zog sich dabei seine Handschuhe von den Fingern. Mit einem schnalzenden Geräusch gaben sie nach und landeten im Müllschlucker.

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