Die Fabrik (12)

Gerade füllte mir der Robot mein Glas auf, da trat Silf an meinen Tisch, grüßte und fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich zu mir setzte. Ich bot ihm den gerade frei gewordenen Stuhl an. Der alte Mann nahm mir gegenüber Platz.
Als ich klein war, vielleicht in der ersten oder zweiten Klasse der Normschule, hingen noch in jedem Büro und jedem Schulraum Portraits vom damaligen Anführer der Menschheit, dem Großen Leiter Xao Fa Chi und dessen Vorbild Karl Marx. Letzterem ähnelte unser Psycho-Arzt Dr.Silf bis aufs Haar und so beschlich mich in seiner Gegenwart manchmal ein ungutes Gefühl, das mich ungewollt in meine Kindheit versetzte. Die war allerdings ein Ort, zu dem ich nie wieder zurückkehren wollte und so mied ich so gut es eben ging die Nähe von Dr.Silf. Ein verkehrter Mann war er nicht und seine Tätigkeit bei uns war von enormer Wichtigkeit. Er wusste genau, wie man mit den Zipperlchen der Belegschaft umzugehen hatte. Die meisten der Männer hatten einen Vertrag über vier Jahre unterschrieben. In der Regel stellten die ersten beiden davon kein Problem dar. Das letzte Jahr war oft schon geprägt von der Vorfreude auf eine dicke Entlohnung und die Rückkehr auf die Heimatplaneten. Regelmäßige Gäste bei Dr.Silf dagegen waren die Dreier, wie wir sie nannten. Zwei Jahre hinter sich und zwei vor sich, nur einmal Urlaub pro Jahr. Diese Aussicht zermürbte eine ganze Reihe unserer Männer seelisch und machte sie für eine gewisse Zeit zu Patienten, denen Silf mit einer Unzahl verschiedener Medikamente unter die Arme greifen und so die Arbeitsfähigkeit sowohl der Männer als auch der Fabrik als solcher aufrecht erhalten konnte.
„Das war wohl der ruhigste Tag seit ich meinen Dienst auf Hegel III aufgenommen habe“, sagte er. „Es erscheint mir fast wie ein Wunder, aber ich hatte heute nur einen einzigen Patienten.“
„Freut mich zu hören, Doc“, gab ich zurück. „Ihre Therapie scheint zu wirken.“
„Therapie, ha!“, prustete er los. „Sie wissen doch ganz genau, dass ich hier niemanden ernsthaft therapieren kann.“ Er ließ sich die Speisekarte auf der Bildfolie des Tisches anzeigen. „Was nehmen sie?“
„Ich habe mich für eine Lakutschsuppe, Nudeln mit Ei, das Hechtragout und einen Früchtebecher entschieden“, antwortete ich und setzte wie zur Entschuldigung hinzu: „Mein Magen fühlt sich an, als hätte ich seit tagen nicht gegessen.“
„Geht mir auch so“, murmelte der Arzt. „Ist es nicht wundervoll …?“
Der Robot brachte mir die Suppe und machte mich sofort mit Heißhunger darüber her. Nachdem ich den Teller ausgelöffelt hatte, ging es mir besser. Der Doktor hatte inzwischen auch bestellt und war nahtlos dazu übergegangen, mir amüsante Anekdoten aus seiner Zeit als Assistenzarzt am Raumflugkolleg zu erzählen. Ich nickte hin und wieder, sah mich aber, ohne wirklich zuzuhören, im Raum um. Mimi und Hank waren nicht unter den Anwesenden, obwohl sie beide, wie ich dem Dienstplan in Sams Büro entnommen hatte, dienstfrei hatten. Ich begann mir nun doch Sorgen um die Mimis Treue ihrem Mann gegenüber zu machen. Vielleicht hatte ich mich die letzten Jahre tatsächlich in ihr getäuscht, mich täuschen lassen wollen, weil ich anscheinend einfach nicht der Richtige für einen Seitensprung war.
„Was sagt man dazu?“, schloss Silf seine Rede und wischte sich Tränen der Heiterkeit aus den Augen.
„Ja, wirklich, unglaublich“, sagte ich und hielt ihm mein Glas hin, um mit ihm anzustoßen.

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