Die Fabrik (11)

Alle Tische außer einem waren besetzt. Die Geräuschkulisse ließ auf angeregte Gespräche der anwesenden Männer schließen.
„Und wie hat ihnen unser kleiner Rundgang gefallen?“, fragte ich, nachdem wir unseren Platz erreicht und etwas zu Trinken bestellt hatten.
„Wissen sie, ich habe ja schon einiges gesehen. Aus technischer Sicht ist ihr Reich bestimmt ganz aufregend, aber mir würde hier auf Dauer der Auslauf fehlen. Auf Aurea hatten wir ganz andere Möglichkeiten. Ausgedehnte Parks, Kasinos, Flightball-Hallen. Da war rund um die Uhr etwas los. Und natürlich die Leute. Das waren keine Arbeiter, die in ein Korsett aus Schichten und Produktionsplänen gezwängt wurden. Freie Leute, die auch nach dem Aufstehen schon mal Champagner trinken, Persönlichkeiten mit großen Gedanken und noch mehr Plänen. Dagegen erscheint mir ihr Dasein doch als relativ karg. Es ist eng bei ihnen. Finden sie nicht auch?“
Ich war über Wus offene Kritik an unserem Leben auf Hegel III erstaunt. Ja, sie kränkte mich damit sogar ein wenig. Bei den Gesprächen, die ich normalerweise zu führen gewohnt war, fiel sicher einmal das ein oder andere harte Wort. Die Männer hielten mit ihrem Missmut über bestimmte Aspekte ihres Lebens und Arbeitens nicht hinterm Berg. Doch so unverstellt hatte mir noch niemand die klägliche Wahrheit über unsere Existenz in der Fabrik vorgehalten.
„Wie ich schon sagte, man gewöhnt sich daran“, antwortete ich ihr knapp.
„Nun seien sie doch nicht gleich beleidigt. Es gibt ja auch Menschen, die sich im Gefängnis wohlfühlen.“ Sie lachte. Mir fiel es schwer, ihrem Beispiel zu folgen. Trotzdem gab ich mir einen Ruck.
„Ihre Bio-Anlage ist mir aufgefallen. Sie befindet sich in einem tadellosen Zustand. Gut gepflegt und ziemlich groß für so wenige Leute.“ Auch sie schien gewillt, unserem Gespräch einen anderen Anstrich zu geben. „Produzieren sie nicht hier zuviel für ihren Bedarf?“
„Sie werden lachen, aber es reicht gerade so. Unsere Männer arbeiten und essen viel. Wir legen aber auch größten Wert darauf, dass wir bestens versorgt werden. Keck, unsere Köchin, ist eine Meisterin. Sie haben sich sicher schon davon überzeugen können.“
„Ja, nicht schlecht. Hätte ich nicht erwartet“, gab sie zurück und wieder stieß ich mich an ihrer zur Schau getragenen Arroganz.
„Na, ich für meinen Teil bin mit unserer Küche sehr zufrieden. Auf welchem Fertigungsplaneten bekommen sie sonst so viele frische Sachen? Wir haben es am Anfang auch mit den Sättigungsbreis versuchen müssen. Scheußliches Zeugs!“
Mein Magen meldete sich wie auf ein Stichwort. „Wollen sie mir beim Essen Gesellschaft leisten?“
Sie lehnte ab, trank aus und verabschiedete sich. Ich sah ihr noch nach, bis sich die Tür der Bar hinter sich geschlossen hatte. Meine Verwunderung über diese Person stieg von Mal zu Mal. Ich konnte sie nicht einordnen, aber allmählich wurde mir klar, was Sam außer ihrem unbestreitbar hübschen Äußeren so zu ihr hingezogen hatte, dass er ihr sogar illegal Dokumente der Minengesellschaft besorgt hatte.
Ich winkte nach dem Service-Robot und orderte ein reichliches Menü. Zu meinem Erstaunen bat er mich um einige Minuten Geduld. Die Küche käme mit der Vielzahl der eingegangenen Bestellung gerade nicht hinterher. Um mir die Zeit meines Wartens angenehmer zu machen, bot er mir einen Gratisdrink an. Die vorzügliche Programmierung dieser kleinen Helfer auf vier Rollen begeisterte mich wieder einmal.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s