Die Fabrik (9)

Daria Wus Schiff befand sich tatsächlich in einem ungewöhnlich aufgeräumten Zustand. Wer einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte an Bord eines Handels- oder Vertreterschiffs zu reisen, wird bestätigen können, dass die langen Flüge durch das All alle möglichen Einflüsse auf den Menschen wirken lassen. Zu besonderer Ordnung halten sie ihn jedenfalls äußerst selten an.
Natürlich hatte ich gehofft, bei meiner Inspektion ein klein wenig mehr über unseren weiblichen Gast in Erfahrung bringen zu können. Ich hatte auf einen Einblick in ihre Privatsphäre spekuliert, wurde aber enttäuscht. Weder fand ich persönliche Gegenstände, noch Souvenirs, Bildfolien oder Hinweise auf ein wie auch immer geartetes Liebesleben. Das Schiff hätte genauso gut direkt aus der Werft in Daria Wus Besitz übergegangen sein können. Dagegen wiederum sprach ihre Panne beim Sprung. So etwas passierte nur bei älteren Schiffen. Ältere Schiffe wieder herum sahen nach jahrzehntelanger Nutzung nicht so aus wie dieses.
Obwohl mich bei meiner Rückkehr in die Station dieser Widerspruch beschäftigte, fühlte ich mich prächtig. Ich platzte fast vor Tatendrang. Nur wusste ich nicht so recht, wohin ich diesen lenken sollte. Ich ging also von der Schleuse direkt zum Sportbereich. Als ich die Tür zum Trainingssaal öffnete, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Annähernd jedes Gerät war besetzt. Die ganze Halle schien zu schwitzen und angestrengt zu atmen. Ich trat ein und wurde gleich von einigen Männern freudig begrüßt. De Pierre zog mit unglaublichem Willen an Gewichten und lachte mich dabei an. „Na, Damian, auch hier?“
Ich nickte zu ihm hinüber und sah mich anschließend nach einem freien Platz um. Meine Muskeln sehnten sich nach Betätigung.

Ich hatte mich richtig ausgepowert, bevor ich mich wieder auf den Weg zu Sams Büro machte. Ich überflog einige Statistiken zur momentanen Produktivität unserer Anlage. Überrascht stellte ich fest, dass wir in den vergangenen 24 Stunden deutlich mehr Motoren gefertigt hatten, als es der Plan vorsah. Wenn das so weiterging, würden noch vor der Ankunft des Versorgungsschiffs unsere Lager überfüllt sein. Wer aber würde unsere Produkte überhaupt abnehmen?
Ich verfluchte die Tatsache, dass die Menschheit zwar den überlichtschnellen Flug, aber keine dementsprechende Informationsübertragung entwickelt hatte. Die einzig existierende Methode, Nachrichten über Lichtjahre hinweg zu transportieren, bestand darin, Speicherkapseln, die mit einem Miniaturantrieb versehen waren, von Planet zu Planet zu schicken. Der Haken an der Sache war die Treffsicherheit. Je weiter die zurückzulegende Strecke war, desto unwahrscheinlicher war es, dass der Empfänger die ihm zugedachten Informationen erhielt.
Es blieb mir also nicht anderes übrig, meine Neugier zu zügeln und auf das Schiff zu warten, das in 10 Tagen bei uns eintreffen sollte. Bis dahin, so hoffte ich, würde sich der Output unserer Fabrik wieder auf einen normalen Pegel einpendeln.
Ich machte mir einige Notizen für mein Arbeitsfrühstück bei Sam. Sicher würde ihm ein Lösungsansatz zu unserem etwas ungewöhnlichen Problem einfallen.
Anschließend erledigte ich die Anfragen, die aus den verschiedenen Abteilungen gekommen waren. Da es mir an technischem Know-How mangelte, konnte ich nur einen Teil beantworten. Den Rest leitete ich an Hank weiter.
Der Flirt von Mimi und Hank am letzten Abend kam mir wieder in den Sinn. Bisher war ich der einzige hier gewesen, mit dem Mimi auf einer eher persönlichen Ebene verkehrt hatte. Ich führte das darauf zurück, dass sie sich bei mir darauf verlassen konnte, dass ich meine Hormone einigermaßen im Griff hatte. Für die einzige als Sexualpartner infrage kommende Frau auf Hegel III war es für sie nicht immer einfach. Der ein oder andere Kollege neigte dazu, seine aufgestaute Libido in Form von derben Sprüchen oder peinlichen Versuchen körperlicher Annäherung auf sie zu richten. Allzu menschlich war dieses Verhalten zwar, aber eben doch nicht zu dulden. In den wenigen Fällen, in denen Mimis Abwehrstrategien nicht funktioniert hatten, hatten wir hart durchgreifen müssen.
Nun hatte sie tags zuvor aber ihren Schutzschirm doch ein Stückchen weit geöffnet und ich fragte mich, wie weit Hank zu ihr vorgedrungen war. Zum Äußersten war es nicht gekommen. So gut kannte ich Mimi. Die Vorstellung in Zukunft Mimis Aufmerksamkeit und Gesellschaft teilen zu müssen, reichte schon aus, um meine Stimmung zu trüben.
Ich musste mich ablenken und so trat ich vor das Panoramafenster, das die eine Seite von Sams Büro abschloss. Der Blick hinaus überwältigte mich. Die langgezogenen Dächer der Fertigungshallen glänzten metallisch im gelben Licht das Hegel abstrahlte. Hinter dem Fabrikgelände begann die unwirkliche Landschaft der Abraumhalden. Maschinen fuhren darauf herum. Sie ähnelten in ihren bizarren Formen und Bewegungen den insektenartigen Tieren, die es früher, vor der Ankunft der Menschen auf Hegel III gegeben hatte. Sandro, unser Biologe, hatte mir einmal Bildfolien davon gezeigt.
Wieder überkam mich das starke Heimatgefühl, das ich einige Stunden zuvor schon einmal gespürt hatte. Diese zerfurchte, künstlich geformte Landschaft da draußen war mir näher als jedes mit Palmen bestandene Südseeparadies.

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Ein Gedanke zu “Die Fabrik (9)

  1. „Wer einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, an Bord eines Handels- oder Vertreterschiffs zu reisen“ — jetzt nimmt der Vau uns hier auf den Arm! Ich werd verrückt!

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