Die Fabrik (7)

Der folgende Abend gehörte natürlich Daria und ihrem Auftritt in unserer zur Bar mutierten Kantine. Einen würdigeren Rahmen hatten wir leider nicht zu bieten, obwohl der ihrer Person und Gardarobe durchaus angemessen gewesen wäre.
Erste Gerüchte über unseren Gast hatten schon die Runde gemacht und so war jeder, der nicht gerade Schicht hatte, mit gespannter Erwartung in die Bar gekommen, um an dem gesellschaftlichen Ereignis der vergangenen Monate teilzuhaben. Sehnsucht stand in den Gesichtern, Langeweile, die darauf drängte, aufgelöst zu werden, Neugier und hier und da auch Begierde. Ich sah mir die Männer genau an. Besonders als Daria den Raum betrat, war ich wachsam. Sie trug ein atemberaubendes Kostüm, das Elemente einer streng geschnittenen, eng anliegenden Fliegerkombination mit einer Galauniform verband. Ihre sportliche Figur und ihr aufreizendes Dekoltee kamen darin perfekt zur Geltung. Ein Raunen ging durch den Raum, als Daria durch ein Spalier von Blicken mit elastischen Schritten auf mich zu kam und mich freundlich begrüßte. Ich muss zugeben, dass es mich stolz machte, diese Frau in Gegenwart der fast vollständig versammelten Mannschaft offiziell auf der Station empfangen zu dürfen. Heute erscheint mir das, vor allem angesichts dessen, was ich schon über sie wusste, als völlig irrational. Damals aber zauberte mir ihre Gegenwart ein Lächeln auf die Lippen und pflanzte mir Freude ins Herz.
Mimi saß an diesem Abend die meiste Zeit über auf einem Hocker in der Nähe des Ausgangs zu den Versorgungseinheiten. Immer, wenn ich zu ihr hinüber sah, traf mich die Tiefe ihrer dunklen Augen mit spöttischer Ironie.
Später, als sich unsere Gesellschaft in ein stark alkoholisiertes, lärmendes Chaos verwandelt hatte, hatte sie sich an Hank herangemacht und flirtete auf Teufel komm raus mit ihm. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass sie mich eifersüchtig machen wollte, gönnte aber unserem Leitenden Techniker auch seinen Spaß. Ich hatte ihn lange Zeit nicht mehr so ausgelassen gesehen.
Ich musste natürlich die Gesellschaft Darias immer wieder mit Kollegen teilen, die ihr Glück versuchen wollten und sie in ein kurzes Gespräch über dieses und jenes zogen. Daria reagierte auf diese Annäherungsversuche recht kühl. Man merkte ihr an, dass sie es gewohnt war, Männer, die ihr zu nahe kamen, abblitzen zu lassen. Ihre Routine dabei war beachtlich.
Die Konsequenz war, dass sich die Bar allmählich leerte und neben Daria und mir nur noch Hank, Mimi und zwei, drei andere Besatzungsmitglieder blieben und sich leise, über ihre Drinks gebeugt unterhielten.
Unser Thema zu vorgerückter Stunde war die Abreise Darias von Aurea. Sie berichtete, dass einer der maßgeblichen Männer dort ihr falsches Spiel durchschaut und sie aus purer Enttäuschung heraus mit dem Tod bedroht hatte. Daraufhin hatte sie ihre Sachen gepackt und war mit ihrem Schiff fluchtartig gestartet. Der Haken an der Sache war, dass die keine Zeit mehr gefunden hatte, eine Besatzung zusammenzustellen.
„Wem hätte ich auch noch vertrauen können? Ich musste also meinen Kahn alleine steuern und so kam es beim Sprung zu irgendeinem Problem mit der Elektrik. Mein Schiff fiel früher als erwartet in den Normalraum und hier bin ich“, sagte sie begleitet von einem ironischen Verziehen ihrer Mundwinkel.
„Da hatten sie aber ungeheueres Glück, dass sie in der Nähe eines bewohnten Planeten herauskamen. Haben sie immer so viel Glück?“, fragte ich.
„Sie trauen mir nicht. Stimmts?“ Ihre Stimme klang schlagartig hart und kompromisslos.
„Wie sollte ich das? Ich kenne sie ja nicht. Sie tauchen hier auf, ihr Erscheinen ist begleitet von einer Reihe erstaunlicher Zufälle und erwarten, dass wir ihnen vertrauen. Das ist doch etwas viel verlangt. Oder?“ Ich lächelte sie an. „Außerdem bei ihrer Biografie!“
„Was wissen sie schon über meine Biografie?“
Ich verkniff mir eine Antwort und versuchte stattdessen unser Gespräch auf etwas Erfreulicheres zu lenken.
„Wir versuchen morgen ihr Schiff wieder klar zu bekommen. Vielleicht können sie ja schon bald ihre Reise zur Erde fortsetzen.“
„Mir gefällt es eigentlich ganz hier. Ich habe es nicht eilig“, sagte sie spitz. „Oder wollen sie mich loswerden?“
Ich verneinte und sie ließ ihren Blick sinken. Fast flüsternd meinte sie: „Ganz ehrlich. Ich habe keine besonders große Sehnsucht nach der Erde. Die Regeln dort engen mich ein. Ich gehe durch eine Stadt und meine ersticken zu müssen. Die Gleichförmigkeit der Menschen, ihr Stumpfsinn und ihre Arroganz als Bewohner der Zentralwelt kotzen mich an. Es ist mir noch nie schwer gefallen, mich von der Erde wieder zu verabschieden.“
„Die meisten Männer hier träumen von einer Rückkehr“, widersprach ich.
„Ja, weil sie vergessen haben, wie es ist, wirklich dort zu sein.“ Sie trank ihr Glas leer. „Und was ist mit ihnen?“

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