Die Fabrik (6)

Auf Sams Schreibtisch stand als Schaustück ein in einen gläsernen Kubus eingeschlossenes Stück Galvium. Samuel Pieters neigte dazu bei wichtigen Besprechungen dieses Stück Gestein anstelle seines Gesprächspartners anzustarren. Wer allerdings meinte, dass seine Konzentration auf das Gesprochene darunter auch nur in verschwindend geringem Maße litt, erlag einer Täuschung. Ich für meinen Teil hatte noch nie vorher und auch danach nicht noch einmal einen Vorgesetzten erlebt, dem die Gaben des intensiven Zuhörens und der schnellen, treffsicheren Analyse so zueigen waren wie Sam.
Umso erstaunter war ich an diesem Tag, an dem ich zu meinem Routinereport in sein Büro kam und ihn schon beim Eintreten nervös um seinen Schreibtisch herum tigern sah. Mit einer fahrigen Handbewegung bot er mir einen Sitzplatz an.
Er kam, ohne mich weiter zu begrüßen, zur Sache: „Was macht unser Besucher? Sind alle Formalitäten erledigt?“
„Ja“, gab ich Auskunft, „Frau Daria Wu ist sicher auf Hegel III angekommen und hat alle medizinischen und sicherheitsrelevanten Überprüfungen überstanden. Sie befindet sich zurzeit in ihrer Kabine. Ihr Schiff wird so bald wie möglich von einem unserer Techniker untersucht.“
„Fein, fein“, knurrte Sam und fuhr sich dabei mit der Linken durch sein ergrautes und militärisch kurz geschorenes Haar. Noch immer lief er wie ein aufgescheuchtes Tier von einer Wand seines Büros zur anderen.
„Stimmt etwas nicht, Sam?“, traute ich mich endlich zu fragen. Er sah mich an, als hätte ich ihn bei einem schlimmen Fehltritt ertappt. Ich fragte mich, ob ich auf der dunklen Haut seiner Stirn sogar Schweiß erkennen konnte.
„Nun ja, sagen wir es so: Ich hätte es vorgezogen unserem Gast nicht noch einmal begegnen zu müssen“, brachte er hervor und es war deutlich, wie schwer ihm jedes einzelne Wort fiel.
„Sie kennen sie?“, platzte es aus mir heraus. Die Wahrscheinlichkeit sich in den ausgedehnten Weiten des Weltalls zweimal über den Weg zu laufen war unendlich gering. Deshalb ließen solche „zufälligen“ Wiedersehen jeden erfahrenen Raumfahrer und Siedler sofort misstrauisch werden.
„Darf ich fragen, Sam, …“
„Damian, hast du dich nie gefragt, warum ich auf diesem entlegenen Planeten meine Tagen fristen muss?“
Ich schüttelte meinen Kopf. Diese Frage war mir in Tat noch nicht gekommen.
„Seis drum“, fuhr Sam fort. „Diesen Spitzenjob hier habe ich niemandem anderen zu verdanken als Daria.“ Er wirkte auf einmal niedergeschlagen und leer. Schwer ließ er sich auf seinen Sessel fallen.
„Zum Beginn meiner Karriere arbeitete ich, wie du weißt, in der Zentrale auf der Erde. Es gab damals niemanden der daran gezweifelt hätte, dass mir ein schneller Aufstieg ins höhere Management bevor stand. Meine Qualifikationen waren herausragend und mein Ruf tadellos. Doch dann lief mir diese Frau über den Weg und ich beging den schwersten Fehler meines Lebens. Ich verliebte mich in sie, und schlimmer noch, ich vertraute ihr.“
„Was ist passiert, Chef?“
„Ich habe sie mit Daten versorgt, die nicht für sie bestimmt waren, und das Ganze flog irgendwann auf. Zur Belohnung wurde ich strafversetzt und am selben Tag noch hat mir Daria den Laufpass gegeben.“
Es fiel mir schwer, diese Geschichte in das Bild, das ich mir bis zu diesem Tag von Sam gemacht hatte, zu integrieren. Entweder war er damals ein völlig anderer Mensch gewesen oder aber diese Frau besaß eine Verführungsgabe, die über das gewöhnliche Maß hinaus ging.
Sam straffte das Oberteil seines Anzugs. Ich war überrascht, dass er auf einmal das Thema wechselte.
„Ich habe gehört, dass Hank auch mit dir schon über das neue Konkurrenzprodukt zu unseren Fiktivmotoren gesprochen hat. Wie schätzt du die Lage ein?“
Ich konnte naturgemäß wenig dazu sagen. Das war einfach nicht meine Baustelle. Also gab ich mehr oder weniger das wieder, was Hank mir anvertraut hatte. Neigte also zu einer sehr pessimistischen Aussicht auf unsere Marktchancen.
Wir tauschten uns kurz darüber aus, kamen aber beide zu keinem befriedigenden Ergebnis. Man würde abwarten müssen, was geschehen und wie die Zentrale auf die veränderte Situation reagieren würde.
„Zumindest bietet uns das alles eine Chance, endlich von hier verschwinden zu können“, schloss Sam die Diskussion. Ich war erstaunt darüber, wie sehr sich dieser Mann über all die Jahre auf Hegel III gequält haben musste. Mir war davon nichts aufgefallen. Eher im Gegenteil. Auf mich hatte er stets einen motivierten und engagierten Eindruck gemacht. Da hatte ich schon ganz andere Stützpunktleiter kennen gelernt.
Eins lag mir noch auf der Seele und das hatte wieder mit unserer Besucherin zu tun.
„Wie wollen wir denn mit unserer Besucherin umgehen? Ich mache mir Sorgen, was das Verhalten der Männer ihr gegenüber angeht. Wir werden sie ja nicht die ganze Zeit in ihrem Quartier einsperren können.“
Sam starrte nun in gewohnter Manier auf seinen Galviumbrocken und antwortete, ohne mich dabei anzusehen.
„Erstens werden wir versuchen, ihr Schiff so schnell wie möglich wieder raumtauglich zu bekommen. Zweitens können wir kaum davon ausgehen, dass sie wirklich zufällig hier gelandet ist. Mich würde es also nicht wundern, wenn wir bei der Reparatur auf unvorhersehbare Schwierigkeiten stießen. Drittens: Wir müssen unter allen Umständen herauskriegen, was sie hier will und dafür ist es viertens notwendig, dass sie sich in Sicherheit fühlt. Ich schlage also vor, dass ich mich in den kommenden Tagen zurückziehe und du den Stationschef gibst. Eine entsprechende Nachricht habe ich schon via Diginetz an alle Mitarbeiter verbreiten lassen. Offiziell habe ich in den nächsten Tagen Urlaub. Ich werde mich in meiner Wohnung aufhalten. Wenn Daria etwas von mir will, muss sie zu mir kommen, und dafür braucht sie einen triftigen Grund. In der Zwischenzeit behältst du sie im Auge und berichtest mir jeden ihrer Schritte.“
Ich nickte. Das war wieder der Sam, wie ich ihn kannte. Präzise überlegend und mit klaren Ansagen. Ich fühlte mich fürs Erste beruhigt.

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