Die Fabrik (4)

Die nächsten Tage und Wochen vergingen in gewohnter Gleichförmigkeit und doch war etwas anders. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich bei Inspektionen, die mich in entlegene Winkel unserer Station führten, heimlich Abschied nahm. Diese standardmäßigen Rundgänge erfolgten nach einem präzise ausgeführten Plan, der sowohl die Route als auch die zeitliche Frequenz festlegte. Es gab Inspektionen, die relativ häufig durchzuführen waren, und welche die nur alle halbe Jahre ins Haus standen, weil sie in Areale führten, die eigentlich keiner Aufsicht bedurften. Bei einer dieser seltneren Gelegenheiten war ich allein unterwegs, weil Curt, der mich eigentlich gemäß der Vorschrift, solche Touren nur zweit zu unternehmen, begleiten sollte, wegen einer hartnäckigen Darmgeschichte in der Krankenstation lag. Mein Ziel waren die vollautomatischen Müllregeneratoren, Maschinen, die ohne jede Wartung und Aufsicht hunderte von Jahren arbeiten konnten, ohne auch nur eine Stunde ihren Dienst zu verweigern.
Während alle Gänge und Räume in den bewohnten Sektionen mit ihrer beigefarbenen Plastikverkleidung eine gewisse Wohnlichkeit und Wärme ausstrahlten, hatten die Konstrukteure in den technischen Abteilungen auf jegliche Art von Gestaltung verzichtet. Ich ging also an metallisch glänzenden Wänden entlang und kam endlich zu der Tür der Recyclingeinheit.
Die Tatsache, dass die Tür beim Öffnen überhaupt zu hören war, deutete darauf hin, dass mein vorheriger Besuch hier schon einige Zeit zurück lag und der Mechanismus wegen monatelanger Untätigkeit etwas brauchte, um wieder in Tritt zu kommen.
Ich schaltete die Beleuchtung ein und wurde mir in diesem Moment darüber bewusst, dass ich wohl zum letzten Mal in diesen Raum treten würde. Der Anblick der haushohen Maschinen, ihr leisen Brummen und das Blinken der vielen Funktionsleuchten erweckten in mir ein starkes Gefühl von Zärtlichkeit, das mich einige Schritte nach vorn tun ließ. Ich trat an ein leicht vibrierendes Aggregat heran und strich sanft mit den Fingerspitzen über die glatte, schimmernde Oberfläche. Was mich mit diesen Maschinen verband war eine Frage. Was würde aus uns werden, wenn wir hier unsere Funktion erfüllt hatten?
Als ich so dastand und mich in ferne Gedanken verlor, knackte plötzlich der Lautsprecher über der Türöffnung und kurz darauf hörte ich Samuel Pieters, meinen Chef und Leiter der Station, sagen: „Junior, bitte sofort zur Schleuse 2. Wir bekommen Besuch. Schau dir den Vogel mal an!“
Ich fühlte mich zunächst in einem Moment unsinniger Sentimentalität ertappt, dann fasste ich mich aber schnell und ging eilig dorthin, wo gerade außerplanmäßig ein Schiff landete. Ich war mir sicher, dass spätestens seit Samuels Durchsage alle Mann, die sich in der Nähe eines Fensters aufhielten, hinausstarrten, um etwas, und sei es nur ein kurzes Huschen, einen Reflex auf der Netzhaut, von dem unerwarteten Ereignis zu erhaschen. Jede Abwechslung war hier oben mehr als willkommen und nichts konnte eine gute Geschichte ersetzen, die man abends in der Bar breittreten konnte.
Ich war überrascht, dass ich gleich nach Betreten des Schleusenraums mich einer Fremden gegenübersah. Sie musste in Rekordtempo ihr Schiff verlassen und die Sterilisationskammer passiert haben. Alle Kontrollinstrumente zeigten Grün. Oberflächlich betrachtet stellte die Dame also keine akute Gefahr dar. Hinzu kam mein erster, persönlicher Eindruck. Und der war überaus positiv. Zwar befand sich ihre Fliegerkombination nicht mehr im besten Zustand und auch ihre Haare konnten eine Wäsche gut vertragen, der entschlossene Ausdruck auf ihrem hübschen, markanten Gesicht aber und nicht zuletzt eine Figur mit Idealmaßen erinnerten mich für einen kurzen Augenblick daran, dass ich nicht nur ein Funktionsträger war. Ich atmete einmal durch, dann stellte ich mich vor und begrüßte unsere Besucherin in aller Form auf Hegel III.
„Freut mich“, antwortete sie souverän, „ich heiße Dania Wu. Es tut mir leid, dass ich sie hier so überfalle, aber mein Schiff hat einen Defekt. Notlandung sozusagen.“ Sie lächelte.
„Wu, Dania“, wiederholte ich und tippte dabei ihren Namen in die Suchmaske unserer Personenüberprüfung. Die Datenbank wurde fündig und ersparte uns so eine aufwendigere Genanalyse.
„Sie sind auf der Erde gemeldet?“
„Ja, aber nur pro forma. Ich war seit Jahren nicht mehr dort.“
„Das geht mir auch so“, lachte ich und ärgerte mich im selben Moment über meine Zutraulichkeit. Ich wusste viel zu wenig über Dania Wu, als dass ich schon zu persönlichen Bemerkungen hätte übergehen sollen.
„Woher kommen sie gerade und wohin wollten sie?“, fragte ich weiter das, was ich fragen musste, bevor ich sie in die Station ließ.
„Start vor zwei Tagen auf Aurea I mit dem Ziel Erde“, gab sie in militärisch knappen Worten Auskunft.
Mir schwante, dass uns unser Besuch noch einigen Ärger einbringen würde und das kam nicht nur daher, dass Aurea unter allen besiedelten Planeten im Outer-Outback den schlechtesten Ruf genoss. Ihre bloße Anwesenheit würde eine Handvoll der Männer dazu bringen, sich in sie zu verlieben und sich schließlich wie Raubtiere um sie zu streiten. Im schlimmsten Fall, so spekulierte ich, würde ich einer dieser Männer sein.

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2 Gedanken zu “Die Fabrik (4)

  1. Herzlichen Dank, Frau Kollegin! Ich bin ja ein bisschen neidisch, dass Du es zu einer Geschichte in einem John Sinclair Haft gebracht hast.

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