Die Fabrik (2)

An diesem Abend wusste ich noch nicht, welch seltsame Zeit uns bevor stand. Ich saß einfach nur da, trank meinen vierten Maliha und entspannte mich ganz allmählich. Ab einem gewissen Promillegrad empfand ich die Menschen und Dinge um mich herum als ganz erträglich. Noch ein Drink mehr und ich mochte sie sogar. Diese harten, aber ehrlichen Kerls, deren Biografien ganze Verbrecherdatenbanken füllten. Die vor sich klickenden Roboter mit ihren treudoofen Gesichtern. Die Kantine, die tagsüber mit kühler Sachlichkeit glänzte, sich aber kaum war das Zentralgestirn unter den Horizont gesunken, in eine Bar verwandelte, die das Format hatte, einem über die schwersten Stunden hinwegzuhelfen.
Auf Hegel III war das Trinken noch erlaubt. Wir stellten damit so etwas wie ein Relikt dar. Auf den meisten anderen Fertigungsplaneten hatten längst Vernunft, Ordnung und Gesundheit das Ruder übernommen. Uns und eine Handvoll anderer Standorte hatte man dabei wohl vergessen. Im Stillen gratulierte ich mir dazu.
Anfangs, als uns unsere Sonderstellung langsam bewusst geworden war, waren alle bemüht gewesen, zwar genauso schnell betrunken zu werden wie zuvor, aber jede Art von Streit oder Problemen, die daraus entstehen konnte, zu vermeiden. Ein derartiges Verantwortungsbewusstsein für eine gemeinsame Sache habe ich vorher und danach nie wieder erlebt.
Mittlerweile hat sich die Situation naturgemäß wieder normalisiert. Nur ein kleiner Teil des damaligen Ehrenkodexes hat die Monate überstanden. Es gab nach wie vor keine ernsthaften Schlägereien, das heißt keine, bei denen schwerwiegende Verletzungen in  Kauf genommen wurden. Und es galt immer noch das Verbot von Glückspielen. Denn diese waren in der Vergangenheit allzu oft Ausgangspunkt von fast ganghaften Auseinandersetzungen innerhalb der Belegschaft.
Wenn einem doch einmal der Sinn nach einer Partie Poker oder Pin stand, konnte man via U-Schirm jederzeit gegen das allwissende Diginetz antreten. Entsprechende Programme gab es zuhauf.
Natürlich herrschte an Tagen, an denen das Versorgungsschiff gelandet war, Hochstimmung in der Bar. Jedermann hatte das dringende Bedürfnis, sich über die Nachrichten von der Erde oder sonst woher zu unterhalten. Während sonst die Gefahr bestand, dass sich alle nur über den Job unterhielten oder sich mit nicht enden wollenden Klagen die Laune zusätzlich verdarben, saßen an jenem Tag im April die Männer um die Tische herum und redeten fröhlich drauflos, stießen an und betrachteten die Fotos der Daheimgebliebenen.
Außer mir nahm nur Hank nicht an dem bunten Treiben teil. Er zog es, so wie ich, vor, alleine seinen Drink zu nehmen und sich seine Gedanken zu machen.
Als ich zum ihm herüber schaute, las er gerade von seinem Tablet. Ich nahm an, dass er einen Speicher mit den aktuellsten Ausgaben technischer Magazine von der Erde bekommen hatte. Er wirkte unheimlich konzentriert. Seine dichten, dunklen Augenbrauen hatte er zur Gesichtsmitte hin verzogen und die Augen flogen ohne Pause über die Zeilen.
Ich wurde neugierig und so schlenderte ich mit meinem Glas in der hand durch den Raum und baute mich neben Hank auf.
„Na, spannende Neuigkeiten von der Technikfront?“, fragte ich, ohne ihn weiter zu begrüßen. Man lief sich hier sowieso ständig über den Weg. Höflichkeitsfloskeln ergaben da mit der Zeit immer weniger Sinn.
„Und ob“, meinte Hank. „Setz dich!“
Er tippte mit der Fingerspitze ein paar Mal auf die Oberfläche seines Infogeräts. Grafiken erschienen auf dem Bildschirm. Auf den ersten Blick sagten sie mir nichts. Ich schaute noch mal hin und dann Hank fragend an.
„Das sind Leistungswerte von Fiktivmotoren“, erklärte mir unser Erster Produktionsmanager.
„Aha!“, sagte ich. „Und?“
Als Junior Head of Basis musste ich mit anderen Dingen als den Details der Produktion vertraut sein. Mein Job ging mehr in Richtung Organisation von Ruhe und Frieden. Ich war dafür verantwortlich, dass alle einigermaßen glücklich waren, das bekamen, was sie benötigten, und die zu ahnten, die sich nicht an die Spielregeln hielten.
„Mann, du hast ja echt keinen blassen Schimmer. Was?“
Mir gefiel Hanks Ton nicht besonders, aber ich ließ ihn gewähren. Schließlich wusste ich, was wir an ihm hatten. Keiner auf der Station arbeitete mit solchem Einsatz und niemand kannte sich in seinem Aufgabenbereich so aus wie Hank.
„Siehst du das?“
Meine Augen folgten einer Kurve, die er mit seinem Zeigefinger nachfuhr. Ich meinte einen ähnlichen Verlauf schon einmal gesehen zu haben, konnte diese Ahnung aber nicht so schnell in Wissen umsetzen.
„Das ist die Leistungskurve unseres Modells. Bis jetzt waren wir damit ziemlich an der Spitze.“
Jetzt kam bei mir die Erinnerung zurück. In meinen Schulungsunterlagen würde sich diese Grafik sicher auch finden lassen.
„Und jetzt hier“, fuhr Hank fort. „Das ist die Kurve zu einer Neuentwicklung.“
„Wow“, sagte ich, obwohl das einzige, was ich erkennen konnte war, dass die zweite Kurve deutlich über der anderen lag. Was das bedeutete, sagte mir unser leitender Techniker nach einer kurzen Kunstpause.

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