Die Fabrik (1)

Am Abend nachdem das letzte Transportschiff, das zu uns gekommen war, wieder abgelegt hatte und vom Überwachungsschirm verschwunden war, saß ich mit Mimi in der Kantine und ließ mir von ihr Bilder zeigen, auf denen eine Familie zu sehen war, die sich um einen fröhlich dreinblickenden Fusch gruppiert hatte. Vater, zwei Kinder, Großeltern.
„Dab schreibt, dass sie den Fusch aus dem Tierheim geholt haben. Die Mädchen konnten dem leisen Geknurre nicht widerstehen und mussten ihn einfach aus seinem Käfig befreien. Süß nicht?“
Sie hielt mir eins der Fotos noch mal unter die Nase. Ich winkte ab.
„Ich kann Haustiere nicht ausstehen“, wies ich sie schroff ab. Mimi schob ihren Abzug zurück in den Umschlag und machte ein beleidigtes Gesicht.
Ich konnte Haustiere tatsächlich nicht leiden. Aber schlimmer noch war, dass mich diese Idylle mit Fusch daran erinnerte, dass Mimi bereits vergeben war und daraus noch nicht einmal ein Hehl machte. Meine Chancen bei ihr waren nicht gerade die besten.
„Du hast wieder keine Post bekommen?“, fragte sie und schaute mich mit ihren kalten, klaren Augen fest an. Das war ihre Art sich bei mir zu revanchieren. Sie streute Salz in meine Wunde.
„Von wem denn? Du glaubst doch nicht, dass mir meine Ex-Frau schreibt. Ich für meinen Teil hoffe das jedenfalls nicht. Wenn doch, dann stehen Probleme ins Haus. In meinem Fall ist keine Post zu bekommen das kleiner Übel.“
Sie hatte anscheinend selbst jetzt noch nicht genug und bohrte weiter.
„Aber traurig macht dich das schon. Habe ich Recht?“, fragte sie und nippte unschuldig an ihrem Drink.
„Hm“, machte ich. „Was trinkst du da eigentlich?“
Das Getränk, das vor ihr auf dem metallisch schimmernden Alutischchen stand, hatte eine hässliche braune Tönung. Man hätte bei diesem Anblick leicht auf verdünnten Schlamm aus den Abraumhalden des Rohstoffkomplexes kommen können.
„Nachdem ich morgen frei habe, gönne ich mir heute einen kleinen Trip. Und der beste Einstieg dazu ist und bleibt ein Maliha“, antwortete sie fachmännisch und rührte dabei mit dem Strohhalm lässig in der bräunlichen Flüssigkeit. „In ein, zwei Stunden habe ich die schönsten Träume, die du dir vorstellen kannst. Das wirkt wie LSD, hat aber den Vorteil, dass Horrortrips quasi unmöglich sind. Ein Hoch auf den chemischen Fortschritt!“
Darauf stieß ich gern mit ihr an, denn auch ich hielt es schon lange nicht mehr ohne den einen oder anderen Aufheller zur rechten Zeit aus.
Es war ja auch kein Wunder. Die schwere Arbeit und die verdammte Abgeschiedenheit von Hegel III konnten selbst den stärksten Kerl irgendwann klein kriegen. Ich habe auf diesem Scheißplaneten schon Jungs weinen sehen, deren Oberarme selbst in den größten Größen der Standardarbeitskleidung kaum Platz fanden. Da konnte man trainieren und schuften wie man wollte, irgendwann machte die Seele schlapp und dann war es gut, wenn man die entsprechende Medizin bekam und seinen Job trotz aller Hemmnisse vernünftig erledigen konnte.
„Das heißt, du lässt mich gleich allein hier sitzen, um in deiner Kabine abzuspacen?“, fragte ich besorgt.
„Genau so sieht das aus, mein Lieber. Du hast noch eine halbe Stunde.“
Ich trank hastig aus und winkte dem Robot. Der kam auch sofort angerollt und spritzte mir auf meine Anweisung hin einen weiteren Potomac in mein Glas.
„Weißt du, was das Schlimmste hier ist?“, wand ich mich wieder an Mimi.
„Keine Ahnung, aber du wirst es mir sicher gleich verraten“. Sie strahlte mich an und ich war mir nicht ganz sicher, ob ihre Pupillen schon dabei waren, sich unnatürlich zu weiten.
„Ja, ich sags dir. Jeder noch so danebene Wirt auf der Erde, schnallt, wenn einer seiner Gäste etwas Zuwendung braucht. Dann schenkt er dir eben ein bisschen mehr von dem edlen Saftein. Aber hier? Hier kommt diese lahme Blechbüchse angerollt und jedes Mal, völlig egal, wie du gerade drauf bist, gibt es die gleiche Menge. Jedes verdammte Mal.“
Ich wusste in diesem Moment selbst nicht so genau, warum ich diesen Quatsch loswerden musste. Man redet manchmal einfach Schwachsinn. So ist das eben hin und wieder.
Natürlich ließ sich Mimi diese Vorlage für einen ihrer exakt platzierten Konter nicht entgehen: „Erstens, Damian, zeichnest du da ein viel zu romantisches Bild von den Kneipenbesitzern auf der Erde und zweitens brauchst du einfach mal wieder eine Frau. Dann musst du mich auch nicht mehr mit deinem Gewimmere langweilen. Du bist schon auf dem Niveau, auf dessen Höhe man sich Zuwendung von einem Getränkerobot ersehnt. Wie armselig ist das denn?“
Ich schluckte. „Armselig“, na prima, war ich eben armselig. Wen kümmerte das schon?
„Und woher soll ich deiner Meinung nach diese Frau bekommen? Du bist doch die einzige hier oben.“
Ich verwendete selbst nach Jahren immer noch den Begriff „oben“, um meine Anwesendheit auf Hegel III zu beschreiben. So als wäre diese planetare Kugel der irdische Mond, zu dem ich von einer Sommerwiese aus sehnsüchtig hinauf blickte.
„Und Keck nicht zu vergessen“, warf Mimi ein.
„Keck ist ja auch die ideale Traumfrau“, lachte ich spöttisch, „103 Jahre alt, schiefe Nase, Buckel. Gegen die hast selbst du gute Karten.“
„Für heute habe ich jedenfalls ausgespielt. Wenn du mich also entschuldigen würdest.“
Ihr schleppender Gang zeigte mir, dass sie länger geblieben war, als es gut für sie war. Es wurde wirklich Zeit, dass sie ins Bett kam.

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