Kick off

Unter den jüngeren Mitarbeitern herrschte eine gewisse Spannung. Für sie war es das erste Mal, dass sie zu einem Kick Off für eine neue Produktlinie eingeladen worden waren.
Unter ihnen befand sich auch Rosa Dosmontes. Sie hatte sich am Morgen extra hübsch gemacht. Zu ihrem braunen Kostüm passte das neue, beige Halstuch ganz ausgezeichnet und kontrastierte wunderbar ihren dunklen Teint. Max, der schicke Kollege aus der Repro, hatte ihr gleich im Aufzug ein Kompliment gemacht. So konnte es weiter gehen.
Den Vormittag über fiel es ihr ungewohnt schwer, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Immer wieder glitten ihre Gedanken vom Bildschirm ab und verloren sich im Weit ihrer Vorstellungen. Sie stelle sich zum Beispiel vor, wie ihr Beitrag zu der neuen Haarpflegeserie „Karma“ während der Präsentation am Nachmittag lobende Erwähnung finden würde.
„Frau Montes ist es gelungen, die Produktinformationen so auf den Verpackungsrückseiten zu platzieren, dass wir uns davon einen echten Mehrwert an Käuferinteresse erhoffen dürfen. <Applaus> Frau Dosmontes, stehen sie doch kurz mal auf!“
Alle Augen lägen für einen kurzen Moment auf ihr und so mancher Kollege würde sie da zum ersten Mal so sehen, wie sie wirklich war: stark, schön und erfolgreich, in dem was sie tat.
Eine hereinkommende Mail riss sie aus ihren Träumereien. Sie tippte schnell eine Antwort in die Tastatur. „…benötige ich hierfür noch genauere Angaben hinsichtlich Gewicht, Gehalt und Umfang…“ Ab damit. Sie war doch nicht der Depp der ganzen Firma. Sollten sich andere damit herumplagen.
In der Mittagspause ging sie in der Kantine. An ihrem Tisch nahmen außer ihr noch Karl und Ede Platz. Alle drei aßen sie Spaghetti mit Tomatensoße und einen kleinen Beilagensalat. Ihr Gesprächsthema war natürlich der Kick Off. Karl war in die Planung der Veranstaltung involviert gewesen, verriet aber keine Details. „Nur so viel: Wir haben uns da, etwas ganz Besonderes einfallen lassen.“
„Aha!“, meinte Ede dazu, der gerade damit beschäftigt war, kleine Soßenflecken mit Hilfe von Spucke und einer Serviette von seinem rosa Businesshemd zu wischen. „So, eine Scheiße! Ausgerechnet!“
Um kurz vor Drei versammelten sich alle Mitglieder des Karma-Teams im großen Konferenzraum der Agentur. Normalerweise bot er Platz für alle Mitarbeiter von „Henne und Ei“. Doch an diesem Tag befand sich ein Aufbau am einen Ende des Raums, eine Art Bühne, auf der eine übermannsgroße Reproduktion einer Shampooflasche stand. Die Seite der Verpackung, an der Rosa mitgearbeitet hatte, war nicht zu sehen. Sie konnte ihre Enttäuschung, die sie sofort als irrational einstufte, trotz aller Bemühung nur schwer unterdrücken.
Da kam von hinter Richard an sie herangetreten. Richard hatte die blendende Idee gehabt, der ganzen Reihe einen indischen Touch zu verleihen. In wellnessbedürftigen Hausfrauen sollten im Supermarkt Bilder von exotischen Bädern unter südlicher Sonne hervorgerufen werden. Gleichzeitig spielten der Titel der Reihe und die Motive auf den Flaschen auf die Verbindung von leiblichem Wohlergehen und der Verheißung von Erlösung an. „So geht klassische Werbung. Prima, Richard“, hatte Klaus Hahn, der Besitzer und Geschäftsführer der Agentur gelobt.
Der betrat jetzt auch die Bühne, richtete dankende Worte an die Versammelten und den Kunden und ließ sich über die lohnende Verbindung von Kreativität und Geschäftssinn aus. Zum Abschluss seiner Rede kam er auf den weiteren Verlauf der Veranstaltung zu sprechen.
„Nachdem wir diese Produkteinführung von unserer Seite zu einem so glänzenden Ergebnis geführt haben, ist es an der Zeit, dass wir uns etwas Gutes tun. Später gehen wir noch alle gemeinsam ins Maharadscha, wo uns ein üppiges indisches Buffet erwartet. Zuvor allerdings gönnen wir uns einen exklusiven Genuss für den Geist, der ja, wie wir alle wissen, die Quelle unseres gemeinschaftlichen Tuns ist. Also, bitte, Bühne frei für „Business on Stage!“
Damit trat er ab und drei Figuren in weiten Gewändern nahmen seinen Platz ein.
Mit dem, was sich in den kommenden 20 Minuten abspielte, hatte keiner der Anwesenden gerechnet. Es wurde ein Theaterstück geboten, das eigens für die Karma Kampagne geschrieben und eingeprobt worden war. Das Stück handelte von einem Guru, der seinen Schüler lehrte, den Kopf alle zwei Wochen (bei Neu- und Vollmond) nur mit Wasser zu waschen. Dieser befolgte zwar die Anweisung seines Lehrers, fing aber bald so an zu stinken, dass es selbst den Göttern zu viel wurde. Die Pointe lag schließlich darin, dass eine der Göttinnen das Karma-Shampoo schuf und es begleitet von dem Slogan „Göttlicher Duft für reines Haar. Pflege für die Seele“ unter die Menschen brachte.
Der Applaus fiel etwas reserviert aus und so schlichen die drei Schauspieler sichtlich resigniert von der Bühne.
Auch Rosa war nicht gerade begeistert. Der Plot des Stücks erschien ihr doch als etwas zu flach. Sie fragte sich, was das alles gekostet haben mochte, und hätte es vorgezogen, einen Teil dieser Summe als Prämie ausbezahlt zu bekommen. Wenigstens stand noch das Essen beim stadtbesten Inder an. Das tröstete sie ein wenig.

Ihren Tischnachbarn kannte sie nicht. Angesichts seiner interessanten Ausstrahlung und seines blendenden Aussehens nahm sie aber gern neben diesem Platz. Sie war seit einem halben Jahr Single und allmählich interessierte sie sich wieder für das andere Geschlecht.
Der junge Mann an ihrer rechten Seite stellte sich als Robert vor und erwies sich als intelligenter und origineller Unterhalter. Er schien sich im Geschäft auszukennen und so nahm sie an, dass er in der Marketingabteilung des Kunden arbeitete. Fragen wollte sie ihn nicht, weil sie das Thema nicht wieder auf Beruf und Karriere lenken wollte. Lieber lauschte sie seinen Ausführungen zu Venedig als der Stadt seiner Träume, zur Gelassenheit der Menschen in Indonesien und weiteren amüsanten Geschichten aus aller Welt. Ja, diesem Robert gelang es, sie mit ein paar Worten und Andeutungen, begleitet von dem köstlichen Essen und dem vorzüglichen Wein, regelrecht auf seine Reisen mitzunehmen. Sie ließ sich das gern gefallen.
Robert schien der Wein auch sehr zu schmecken. Er trank und trank und redete und redete. Und sie trank auch mehr, als sie gewohnt war, lachte, scherzte und tauschte ab einem gewissen Zeitpunkt tiefe Blicke mit ihrem Nachbarn aus. Ihre Stimmung war völlig gelöst und so lehnte sie sich irgendwann zu ihm hinüber und flüsterte ihm spaßend ins Ohr: „Auf deinen ganzen Reisen hast du sicher noch nie eine so schlechte Aufführung gesehen wie heute Nachmittag. Das bekommt man nur bei uns geboten. Habe ich recht?“
Roberts Gesicht verwandelte sich in eine eisige Maske. Er griff zum Mineralwasser, schenkte sich ein und trank einen trotzigen Schluck.
„Ich glaube nicht, dass ich mir das von einer dahergelaufenen Werbeschickse bieten lassen muss“, sagte er so laut, dass es auch einige andere am Tisch mitbekommen und erschrocken zu den beiden herüber sahen.
Rosa, die noch immer in leicht geneigter Haltung in der Nähe von Roberts Gesicht hing, fuhr in die Gerade und lief puderrot an.
„Was …?“, stammelte sie.
„Ja, was, was? Keine Ahnung, aber immer einen auf dicke Hose machen. Das kann ich leiden“, fuhr er mit seiner Beschimpfung fort. „Ihr könnt mich alle mal kreuzweise. Das habe ich nicht nötig. So ein Scheiß hier! Machts euch doch einfach selber.“
Einer der Kellner kam und bat Robert aufzustehen und das Lokal zu verlassen. Rosa schaute sich verwirrt um. Karl, der ihr gegenübersaß, meinte, um die Situation zu entspannen: „Tja, diese Künstler! Gib ihnen was zu trinken und schon vergessen sie ihre Kinderstube.“ Und zu Rosa gewand setzte er hinzu: „Tut mir leid, dass wir diesen komischen Stückeschreiber mit eingeladen haben. Geht’s wieder?“
Da röhrte der Autor von „Business on Stage“ umgeben von vier Indern, die ihn vor die Tür setzen wollten vom Buffet her: „Ihr verdammten Trottel! Gebt mir wenigstens noch eine Flasche mit. Das hab ich mir verdient. Wenigstens das.“

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