Superloser (15)

„Ja, ich habe mir gestern die Sachen noch mal angeschaut. Ja, da ist was faul. Klar. Die Frage ist doch jetzt nur, was wir mit dieser Erkenntnis anfangen.“
Es war noch vor zehn Uhr und Gottfried telefonierte schon mit seiner Mutter.
„Ich denke, wir sollten uns mal die Gebäude anschauen, um die es damals ging. Hast du vielleicht Lust, mich zu begleiten?“
Seine Mutter hatte Lust und stand eine halbe Stunde später vor der Tür. Sie trug ein moosgrünes Kostüm und an ihren dünnen Beinen rote Stumpfhosen. Die Haare hatte sie auftoupiert. So herausgeputzt hatte er sie lange nicht mehr gesehen.
Das Taxi fuhr das ungleiche Paar an den Stadtrand. Unterwegs fragte er sie nach dem Liebesleben von Onkel Max aus. Er erinnerte sich, dass früher darüber im Familienkreis gemunkelt worden war.
„Die arme Gudrun“, fing Judith Teerstegen an. Sie drehte dabei nervös an dem goldenen Ehering, der immer noch an ihrem linken Ringfinger steckte. „Die musste einiges einstecken. Max hat wirklich nichts anbrennen lassen. Er sah ja auch ganz gut aus. Stark und selbstbewusst. Bis die Frauen merkten, was für ein Charakter er war, hatte er sie oft schon rumgekriegt.“ Ihr Blick verlor sich in der winterlichen Einöde einer stark befahrenen Straße, an deren Rändern sich Tankstellen und Baumärkte mit Teppichdiscountern abwechselten.
Gottfried fragte sich, ob seine Mutter auch etwas mit Max gehabt hatte, verwarf diesen Gedanken aber wieder als zu absurd. Soweit wollte seine Vorstellungskraft nicht reichen.
„So, hier sind wir“, sagte der Taxifahrer. „Zwölf, achtzig, bitte.“
Gottfried half seiner Mutter aus dem Wagen und über die am Straßenrand aufragenden Halden aus Eis und Matsch.
Sie standen vor einem Komplex niedriger Gebäude, die sich um einen ungepflegten, nach vorne geöffneten Hof gruppierten. Drei Spielgeräte befanden sich darauf. Vor vielen Jahren hätte ein neuer Anstrich ihrer Hoffnungslosigkeit Abhilfe verschaffen können. Mittlerweile war es selbst dafür zu spät.
Dennoch schienen die Häuser bewohnt zu sein. Hier und da brannte Licht in den Fenstern und am hinteren Ende des Platzes schlurfte eine müde Gestalt um eine Ecke.
Mutter und Sohn standen etwas verloren vor diesem Szenario. Sie hielt sich ein blütenweißes Taschentuch vor den Mund, als gälte es bösartige Keime von sich fern zu halten.
„Alles klar?“, fragte er. Sie nickte knapp.
Nach ein paar Schritten fanden sie einen Infokasten, der sie darüber aufklärte, wozu die Anlage genutzt wurde: Wohnheim für Studenten mit Kindern, eine Sozialstation und ein Frauenhaus.
„Ich weiß nicht, ob uns das hier weiter hilft“, meinte Gottfried resigniert. Für diesen Ausflug hatte er sein Wiedersehen mit Jette verschoben. Er ärgerte sich darüber.
Seine Mutter dagegen wirkte wie elektrisiert.
„Nicht gleich aufstecken! Deine alte Dame hat eine Idee. Hier ist doch die Hausmeisterwohnung.“ Ihr schrumpliger Finger deutete auf einen Punkt des Plans. „Da gehen wir jetzt hin. Los, junger Mann!“
An einem langgezogenen Gebäude vorbei stapften sie tiefer in das Gelände hinein. Eine Gardine wurde zur Seite gezogen und gleich wieder geschlossen. Von irgendwoher drang eine grelle, schreiende Frauenstimme zu ihnen herüber und verlor sich wieder im rauschenden Geräusch, das die Fahrzeuge auf dem nassen Asphalt der Hauptstraße erzeugten.
Vor einer grünen Tür blieben sie stehen. Kurz entschlossen klingelte sie. Zuerst resultierte daraus keine Reaktion. Dann, als sie schon wieder gehen wollten, öffnete sich die Tür und vor ihnen stand ein alter Kerl in einen grauen Kittel gekleidet. Ein unangenehm muffig süßlicher Geruch kam ihnen von drinnen entgegen und umwehte des Mann. Reflexartig hob Judith Teerstegen wieder ihr Taschentuch vor Mund und Nase.
„Entschuldigen sie bitte“, sagte sie durch den Stoff hindurch. „Vielleicht können sie uns helfen.“
Der Hausmeister schaute nur unbeteiligt und zeigte keine Anstalten irgendetwas zu antworten.
„Sie sind doch für diese Häuser verantwortlich, kennen sich wahrscheinlich wie kein Zweiter hier aus.“
Wieder nichts.
„Nun gut. Hören sie. Mein Sohn sucht Dung.“ Verwirrt starrten Hausmeister und Sohn die kleine Frau an.
„Der kam als Flüchtling nach Deutschland. Verstehen sie. Und mein Sohn hatte eine Brieffreundschaft mit ihm. Leider ist der Kontakt abgerissen.“
„Das nimmt der uns nie ab“, dachte Gottfried. „Niemals. Gleich knallt er die Tür zu.“
Wider Erwarten öffnete der Kerl aber zum ersten Mal den Mund. Er lächelte sogar etwas ungeschickt.
„Die gute alte Zeit“, murmelte er.
„Ja, die gute alte Zeit“, stimmte Mutter Teestegen zu.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s