Superloser (13)

Während er die Auslage mit frischen Hühnerfilets bestückte, dachte er an Jette und auch als er am Fleischwolf stand und 500-Gramm-Portionen Rinderhack in schwarze Styroporschälchen abfüllte. Dabei glitten seine Gedanken immer wieder von ihrem Äußeren ab und hin zu ihrer Stimme und der Art, wie sie sich bewegte. Nicht besonders elegant, gar nicht sehr weiblich, eher sportlich, so als würden ausgebildete Muskeln für ihren Bewegungsablauf sorgen.
Eine konkrete Vorstellung von ihrer Figur hatte er nicht. Sie hatte vorhin im Cafe eine hoch schließende Schürze getragen, die viel Platz für Spekulationen ließ. Und doch wusste Gottfried, dass sie ihm gefallen würde. Die laufende Darstellung des weiblichen Körpers in den Medien wollte einem zwar das Gegenteil weismachen, aber wenn man sich verliebte, zählte weit mehr als objektive Schönheit. Für Gottfried zählte in diesem Moment zum Beispiel nur, dass er ein seltsames Ziehen im Brustbereich spürte, sobald er daran dachte, am nächsten Tag im Drei Engel aufzutauchen und Jette wieder zu sehen. Die Zeitspanne bis dahin kam ihm unüberbrückbar lange vor. Die Arbeit half zwar ein wenig, aber nach zwei Stunden war damit auch schon wieder Schluss und er stand unentschlossen vor Mehmets Geschäft. Der Helal-Metzger trat neben ihn.
„Na, hast du ein Problem?“, fragte er ganz konkret.
„Problem trifft es nicht ganz“, antwortete Gottfried vage und verließ den Ort des Geschehens nach rechts.

Diese Richtungsentscheidung brachte ihn direkt zum Haus seiner Mutter. Kurz entschlossen klingelte er. Er konnte jetzt gut einen vertragen.
„Gottfried, Schatz“, wurde er freudestrahlend begrüßt. „Ich habe schon versucht, dich anzurufen.“ Ihr Gesicht glänzte vor Aufregung. „Das muss Eingebung gewesen sein, dass du mich heute besuchen kommst.“
„Warum, was ist denn los?“, wollte er wissen und ließ sich in einen der ausladenden Coachsessel fallen. Dabei fiel ihm ein, dass auch Marc ein Geheimnis mit ihm hatte teilen wollen. Dazu war es wegen seiner Verspätung nicht gekommen und jetzt nach der Begegnung mit Jette war seine Neugier in diesem Punkt auf ein Minimum geschrumpft. Auch die Neuigkeiten, die seine Mutter für ihn bereit hielt, interessierten ihn nur am Rande.
Sein Blick lag auf dem Cocktailwagen und den vielen verschieden bunten Flaschen. Judith Teerstegen verstand und brachte ihrem Sohn einen Scotch. Dann setzte auch sie sich.
Vor ihr auf dem Tisch lagen einige aufgeschlagene Ordner. An der Färbung des Papiers erkannte Gottfried, dass die darin befindlichen Unterlagen und Schriftstücke schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hatten.
Die faltige, mit Altersflecken übersäte Hand seiner Mutter fuhr einmal über die oben liegenden Seiten. Ihr Blick suchte den seinen.
„Ich bin noch einmal durch die Sachen deines Vaters gegangen“, fing sie an. „Ich habe mich heute Nacht daran erinnert, dass er und Onkel Max eine Zeitlang zusammen gesteckt und irgendetwas ausgeheckt haben. Ganz wichtig hat dein Vater damals getan. Ich weiß noch, dass ich mich damals geärgert habe, dass er ständig abends zu Max gefahren ist und mir nichts erzählt hat. Richtig eifersüchtig bin ich geworden.“
„Wann war das denn?“, fragte Gottfried.
„Das kann ich dir ganz genau sagen. Ich habe hier nämlich ein Paar Notizen gefunden, die er sich dazu gemacht hatte. Ein wenig schaut das für mich so aus, als hätte er eine Art Rückversicherung gebraucht.“
„Rückversicherung?“
„Ja, so wie in Spionagefilmen, wenn der Agent noch irgendein Beweisstück im Banksafe hat, damit er abgesichert ist.“
„Verstehe.“
„Auf jeden Fall spielte sich das Ganze zwischen 1976 und 78 ab und muss etwas mit der Errichtung von Wohnheimen zu tun gehabt haben. Max war doch Baureferent.“
„Was für Wohnheime denn?“
„Ich denke, welche für Asylanten. Hier schau mal!“
Seine Mutter reichte ihm einen Hand beschriebenen Zettel über den Tisch. Er erkannte sofort die zackige Schrift seines Vaters. In seinen Gedanken fuhr eine Unterschrift unter ein Zeugnis, wurden Diagramme aufgezeichnet, die ihm den Börsenverlauf erklären sollten, überflog er einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass man ihm zum Geburtstag gratulierte.
Auf dem Zettel stand: „5 ½ statt 7 Quadratmeter pro Fidschi.“ Darunter befand sich eine Rechnung, deren Ergebnis eine hohe fünfstellige Zahl ergab. Diese Summe wurde noch einmal durch zwei geteilt. Zwei energische Striche beendeten die Rechung.
„Hier sind dann noch ein paar Baupläne drinnen, Presseartikel über die Unterbringung von Flüchtlingen und ein Gesprächsprotokoll, in dem davon die Rede ist, dass Onkel Max deinen Vater um einen Kredit für die Errichtung von Herbergen gebeten hat.“
„Du meinst, die beiden haben krumme Geschäfte gedreht? Ich dachte Vater war immer so seriös und unbestechlich.“
„Vielleicht haben wir ihn in dem Punkt etwas überschätzt. Mir schaut das Ganze hier jedenfalls stark danach aus. Du kannst die Sachen ja mal mitnehmen und dir in Ruhe ein Bild machen.“
„Wozu denn?“, wollte Gottfried wissen, der eine Menge unnützer Arbeit auf sich zukommen sah und ihr reflexartig auszuweichen versuchte.
„Tja, überleg doch mal!“

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