Superloser (12)

Und doch gelang es ihm im Bett liegend nicht abzuschalten. Er musste an seine tote Tante denken. Wie sie wohl jetzt aussah? Blass und starr sah er sie vor sich liegen, die Augen seltsamerweise weit geöffnet. Onkel Max hatte ihr verweigert, diese zu schließen und so blickte sie Gottfried an, als wollte sie ihn anflehen, sie zu rächen. Er wälzte sich auf seinem Lacken hin und her und fühlte sich dabei wie in einer Edgar Allen Poe Geschichte gefangen oder bei Kafka. Die Minuten geronnen zu Stunden. Es war längst nach Mitternacht, als er endlich einschlief.

Völlig zerstört wachte er auf. Es war kurz vor Zehn. Er würde zu spät zu seiner Verabredung mit Marc kommen. Trotzdem hatte er das unwiderstehliche Bedürfnis sich zu duschen. Dann brühte er sich sogar noch einen Kaffee auf, um die letzten nächtlichen Gespinste aus seinem Kopf zu spülen.
Das Telefon läutete. Er ließ es klingeln und hastete aus dem Haus. Auf der Treppe stürzte er fast, fing sich aber gerade noch und trat vor die Tür. Es hatte geschneit und er war mit Turnschuhen unterwegs. So kam er nur langsam voran und als er endlich am Sonnenheimplatz ankam und das Cafe Drei Engel betrat, war Marc schon gegangen. Die flotte Kellnerin sollte ihm nur eins ausrichten: „Typisch“.
„Ihr Freund ist gerade erst gegangen. Vielleicht vor fünf Minuten. Besonders begeistert wirkte er nicht“, setzte sie ungefragt hinzu.
Gottfried mochte ihre grünen Augen und nahm sich vor, ab jetzt wieder öfter herzukommen.
„Das kann ich mir denken, aber das Wetter hat mich aufgehalten.“
„Darf ich ihnen trotzdem etwas bringen?“, fragte die Bedienung und auch ihre Stimme gefiel ihm. Forsch klang sie, aber nicht zu keck. Genau richtig, um seine Fantasie zu füttern.
„Ja, gern. Ein kleines Frühstück bitte, … äh?“
„Jette.“
„Ich bin Gott. Nein, sorry, ich meine, ich heiße Gottfried. Meine Freunde nennen mich nur Gott.“
„Das ist lustig. Gefällt mir.“
Sie machte sich davon. Das Cafe war ansonsten leer, aber sein Herz war plötzlich voll schöner Gefühle und pumpte warm. Schon lange hatte er keinen solch angenehmen Kontakt mehr zu einer Frau gefunden. Das letzte Mal war er an eine Transe geraten, die ihn hinter dem Bahnhof angesprochen hatte. Sie hatten sich prima verstanden, aber als sie aufdringlich wurde, war er schnell davon gegangen. Eine Frau, die bei einer innigen Umarmung auf einmal ihr erregiertes Glied gegen sein Bein drückte, war selbst ihm zuviel. Sorry!
Jette kam wieder und stellte ihm lächelnd sein Frühstück hin. Sie zögerte.
„Setz dich doch“, bat er sie und rückte den Stuhl neben seinem vom Tisch weg. Sie schaute unsicher.
„Darf ich nicht. Wenn das die Chefin sieht, …“
„Moment mal! Du darfst dich nicht mit Gästen unterhalten?“, fragte er zornig.
„Leider, ja. Das Drei Engel ist ein Cafe und kein Bistro, meint sie immer. Bistro ist das schlimmste Schimpfwort für sie.“
Gottfried grinste und zupfte sich ein Haar vom Kopf. Das steckte er zwischen den Käse und das Brötchen auf seinem Teller.
„Dann pass mal auf!“, flüsterte er Jette zu. „Hol mir doch mal die alte Schachtel.“
Eine Minute später stand eine aufgedonnerte Lady vor ihm und musterte ihn abschätzig. Jette hatte sich hinter ihrer Chefin positioniert und schmunzelte.
„Sie sind also die Leiterin dieses Geschäfts?“, fing Gottfried an. „Leider muss ich ihnen sagen, dass ich in einer ihrer Speisen ein schwarzes Haar entdeckt habe. Wenn es wenigstens vom engelsgleichen Blond ihrer zauberhaften Bedienung wäre, aber so. Einfach ekelhaft.“
Er machte eine kurze Pause, aber noch bevor sich die Alte äußern konnte, setzte er hinzu: „Tut mir leid, ihr Bistro werde ich nicht empfehlen können.“
Das saß. Die Lady zuckte zusammen, fing an mit den Armen zu fuchteln, brachte aber so schnell keinen Ton heraus. In einem Zug trank er sein Glas Orangensaft aus, packte seine Sachen und ging.
Durch die Scheiben konnte er noch beobachten, wie die Chefin der Drei Engel die Sprache wieder fand und sich Jette das Gezeter anhören musste und sich dabei auf bewundernswerte Weise im Griff hatte. Nicht ein Muskel um ihren Mund herum zuckte auch nur. Er wartete im Schutz einer Gardine und trat erst wieder hervor, als Jette allein war und seinen Tisch abräumte. Sie sah ihn an und strahlte übers ganze Gesicht. Er reckte einen Daumen in die Höhe und machte sich dann zufrieden auf den Weg zu Mehmet.

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