Superloser (10)

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, fiel sein Blick auf den Sterilisationsinfozettel. Kurz entschlossen wählte er die Nummer. Während es läutete, ließ er noch einmal kurz das Telefonat mit seiner Mutter Revue passieren. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich ihr in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren so verbunden gefühlt hatte wie gerade eben.
„Ja, bitte?“ Eine männliche Stimme meldete sich. Gottfried kannte diese Stimme, konnte sie aber nicht so schnell zuordnen.
„Guten Tag. Mein Name ist Gottfried Teerstegen. Ich rufe wegen ihrer Studie an. Auf ihrem Flyer steht, dass sie Männer suchen, die sich für eine Sterilisation interessieren. Ich wollte mich mal erkundigen, wie da die Bedingungen sind.“
„Nun ja, da sind sie hier ganz richtig. Sie sind also grundsätzlich zu so etwas bereit?“ Die Stimme des anderen klang erheitert.
„Hätte ich sonst angerufen? Aber hören sie einmal. Mit wem spreche ich denn gerade?“
Ein lautes Lachen kam durch die Leitung. Gottfried meinte sogar ein Schenkelklopfen zu hören.
„Was soll das? Wer ist denn da?“
„Oh Mann, Gott! Jetzt kennen wir uns schon so lange und du erkennst mich nicht?“

„Kim?“
„Bingo!“

Er schmiss den Hörer auf den Apparat. Da hatten sie ihn ja schön drangekriegt, diese Witzbolde. Er sah sie förmlich vor sich, wie sie da am Kiosk stand und sich die Bäuche vor Lachen hielten. Ganz sicher würde diese Story schnell die Runde machen und in den nächsten Tagen für allgemeine Heiterkeit sorgen. „Gottfried der Kastrat.“ Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
Noch einmal griff er zum Hörer und wählte die Nummer von Marc. Wenigstens in dieser Sache wollte er die Missverständnisse der letzten Zeit vergessen machen. Ein kleiner Umtrunk würde alles wieder bereinigen.
Marc gab sich aber weiterhin unversöhnlich. Zumindest beim Thema Alkohol blieb er hart.
„Du trinkst einfach zu viel, Gott. Was hältst du davon, wenn wir uns einfach mal auf einen Kaffee treffen? Bei Kim?“
„Ne, lieber nicht. Lass uns in ein anständiges Cafe gehen“, schlug Gottfried vor.
„O.k., kein Problem. Ich muss dir dann auch was erzählen. Anton hat tatsächlich versucht, Carola anzugraben.“
„War doch klar. Was soll daran so interessant sein?“
„Wart es ab. Morgen früh um Zehn in dem Laden am Sonnenheimplatz?“
„Du machst es aber spannend. Also gut, morgen um Zehn. Ich muss dann aber danach zur Arbeit.“
„Ist ja nicht weit“
„Stimmt“

Max hat vor drei Tagen geheiratet. Das Fest war rauschend, auch wenn nicht alle mit seiner Frau einverstanden sind. Sie war schon einmal verheiratet und bringt eine kleine Tochter mit in die Ehe. Vor allem der katholische Zweig unserer Familie hat damit ein Problem. Judith und mir ist das nicht wichtig. Hauptsache Max ist endlich unter der Haube. Seiner Karriere wird das sicher förderlich sein. Eigentlich habe ich kein allzu gutes Verhältnis zu meinem Schwager. Trotzdem bemühe ich mich ihn von meiner Antipathie nichts spüren zu lassen. Er wird es eines Tages noch zu etwas bringen. Da muss man vorsichtig sein.
Gottfried war der Mittelpunkt des Nachmittags. Alle standen um seinen Kinderwagen herum und lobten uns für unseren süßen Fratz. Judith strahlte und benahm sich wieder so, wie ich es von meiner Ehefrau erwarte. Tadellos.

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