Superloser (9)

Das Telefon klingelte. Seine Mutter war dran. Gottfried verzog genervt den Mund.
„Hallo, Mama. Was gibt’s?“, wollte er wissen.
„Oh, es ist so schrecklich“, hob sie mit leicht hysterischem Unterton in der Stimme an.
„Was denn jetzt schon wieder?“
„Deine Tante Gudrun ist heute Morgen verstorben. Die Onkel hat sie in ihrem Zimmer gefunden. Tot.“
Das saß. Gudrun war die einzige aus der gesamten Familie, zu der Gottfried ein einigermaßen ungestörtes Verhältnis hatte. Bezeichnenderweise war sie zugeheiratet. Onkel Max, dieser Riesenidiot mit Bierwampe, war der Bruder seiner Mutter.
Die Tante war früher häufiger eingesprungen, wenn seine Mutter „sich nicht so fühlte“. Besonders in der Zeit ihres Tablettenentzugs wäre ohne Gudrun nicht mehr viel gegangen. Sein Vater musste ja immer arbeiten und seinen sonstigen Verpflichtungen nachgehen.
Im Gegensatz zu den Teerstegens besaßen Max und Gudrun ein Haus mit Garten. Dort stand ein Verschlag, der zur Hälfte zur Lagerung von Gerätschaften genutzt wurde. Den Rest des Raums nahmen zwei Sessel und ein Tisch ein. Sein Onkel pflegte hier nach der Arbeit eine Pfeife zu rauchen, deren Genuss ihm im Wohnhaus untersagt war. Gudrun reagierte höchst allergisch auf Tabakqualm. Sogar zwei Bürsten gab es, mit denen sich Max nach dem Aufenthalt in seinem Raucherzimmer und vor Betreten der gemeinschaftlich genutzten Räume, Haar und Kleidung abbürsten musste.
Tagsüber stand der Schuppen den Kindern zur Verfügung. Oft saß Gottfried hier mit Angelika, Gudruns Tochter aus erster Ehe. Abgeschirmt vom Generve der Erwachsenen genossen sie die Ruhe dieser heimelichen Stunden. Die Wände verströmten den Duft von Holz, gleichzeitig lag das Aroma von Pfeifentabak in der Luft, das Radio spielte Popmusik. Sanftes Licht kam durch das lange ungeputzte Fenster und Angelika besaß eine für damalige Verhältnisse ausgezeichnete Comicsammlung. Lange saßen sie sich gegenüber, schwiegen und lasen in den Heftchen.
Damit war schlagartig Schluss, als Gudrun die beiden Kinder eines Tages bei Doktorspielchen erwischt hatte. Gottfried wurde mit heruntergelassenen Hosen aus dem Paradies vertrieben. Er schämte sich fürchterlich. Seine Tante verschwieg diesen Vorfall gegenüber seinen Eltern, aber den Schuppen durfte er nie wieder betreten.

„Ich wusste gar nicht, dass sie so schwer krank war“, sagte er traurig in den Hörer.
„Niemand wusste das, mein Schatz. Es ist ein Rätsel. Ihre Herzgeschichte hatte sie schon lange gut im Griff und von grünem Star stirbt man ja wohl nicht. Max meinte, dass sich deine Tante gestern nur etwas unwohl gefühlt hatte und recht zeitig zu Bett gegangen war.“
„Wahrscheinlich hat er sie umgebracht“, meinte er grimmig und war überrascht, dass seine Mutter ernsthaft darauf einging.
„Aber warum sollte dein Onkel so etwas Schreckliches tun?“, fragte sie.
„Vielleicht damit er endlich im Haus rauchen darf. Er wird alt. Es wird ihm im Schuppen allmählich zu kalt um diese Jahreszeit“, spekulierte er.
„Besonders betroffen klang er jedenfalls nicht. Er hat es versucht, aber ich kenne doch meinen Bruder. Das war keine echte Trauer. Niemals.“
Gottfried fiel die Gehässigkeit in der Stimme seiner Mutter auf. Sonst legte sie besonderen Wert auf eine eher säuselnde, demonstrativ vornehme Ausdrucksweise. Hier aber schien etwas lange Aufgestautes aus ihr herauszubrechen.
„Traust du ihm denn so etwas zu?“, wollte Gottfried wissen. Seine Antwort auf diese Frage kannte er bereits. Onkel Max galt weit über die Familienkreise hinaus als äußerst rabiater Mensch, für den die Gefühle anderer nicht viel zählten und der seine Ziele mit nicht immer lauteren Mitteln verfolgte. Wer ihn kannte, mied ihn und wer ihm beruflich begegnet war, fürchtete seine Härte. Es gehörte schon eine gehörige Portion Humor und Selbstbewusstsein dazu, es mit diesem Menschen auszuhalten. Tante Gudrun hatte beide Eigenschaften auf wundersame Art und Weise in sich vereinigt und war nun tot.
„Ja“, sagte seine Mutter glatt heraus. „Warum nicht?“

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