Superloser (8)

Als er sich ablegte, spürte er den Schmerz in seiner Seite wieder so stark, dass er zuerst nicht einschlafen konnte. Er dämmerte dahin und unangenehme Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Carola hatte ihm am Abend vorher ganz schön zugesetzt und das nur, weil er ein bisschen rummachen wollte. Gut, er war etwas aufdringlich gewesen. Aber war das ein Grund, ihn vor versammelter Mannschaft so zu vermöbeln? Wie stand er denn jetzt vor seinen Freunden da?
Sie schienen allein ihm die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen und damit war er alles andere als einverstanden. Er fühlte sich vielmehr als das Opfer einer völlig übertriebenen Reaktion einer Durchgeknallten. Und dann noch Anton, der selbst scharf auf Carola war! Der sollte mal selbst schauen, wie weit er bei der Lady kommen könnte.

Der nächste Tag begann für Gottfried gewohnt spät. Gegen halb Elf schälte er sich aus dem Bett, brühte sich eine Tasse Instantkaffee auf und glotzte eine Stunde lang Wintersport im Ersten. Sein besonderes Interesse galt dabei den muskulösen Mädels in ihren engen Skianzügen. Im Sommer schaute er gern Frauentennis.

Pünktlich um Eins traf er bei Mehmet ein. Zweimal in der Woche arbeitete er in dessen Schlachterei als Aushilfe, zerlegte Kartons und ordnete den Lagerraum. Dafür versorgte ihn Mehmet mit Fleisch, Wurst und etwas Bargeld, das er schwarz auf die Hand bekam.
Früher hatte die Metzgerei dem alten Schmid gehört, aber als der aufhören musste, weil sein Rücken nicht mehr mitspielte, übernahm eben Mehmet den Laden und machte ihn zu einem beliebten Anlaufpunkt für alle Türken im Viertel. Die Deutschen fuhren lieber mit dem Auto oder dem Bus in die Einkaufszentren und horteten dort billiges Zeugs aus den Großschlächtereien. Eine Ernährung ohne Schweinefleisch kam für die meisten sowieso nicht in Frage und viele misstrauten beim Thema Nahrung dem Türken, der es wagte, so ein alteingesessenes Geschäft weiterzuführen.
Gottfried war das alles schnuppe. Er mochte Mehmet und war ihm dankbar dafür, dass er bei ihm ein paar Mücken dazuverdienen konnte.
Um Drei war er schon wieder fertig, bekam sein Fresspaket und zehn Euro mit. Davon kaufte er sich im Dönerladen nebenan ein Weißbrot und ein paar Flaschen Bier bei Kim. So versorgt machte er sich auf den Nachhauseweg. Er konnte es kaum erwarten, an seinen Aufzeichnungen weiter zu arbeiten.

Meine Frau verhält sich seit der Geburt des kleinen Gottfried sehr seltsam. Sie ist mürrisch und kommt ihren Pflichten im Haushalt nur ungenügend nach. Allein in einer Woche musste ich zweimal auswärts essen gehen, weil sie davon abgesehen hatte, mir ein anständiges Abendbrot auf den Tisch zu stellen.
Ich habe selbstverständlich versucht, ihr klar zu machen, dass das so auf Dauer kein Zustand ist. Man stelle sich nur einmal vor, einer meiner Kollegen oder jemand aus der Partei sieht mich, wie ich allein abends im Wienerwald sitze und Hähnchen esse. Da kommen doch Gerüchte auf und die können uns nur schaden. Unnötig ist so was in meinen Augen. Ich weiß wirklich nicht, was sie sich dabei denkt. Hoffentlich hat ihr unmütterliches Verhalten keine negativen Auswirkungen auf den kleinen Gottfried.
Die Innenstadt wird zunehmend von Langhaarigen bevölkert. Der Bürgermeister und ich sind uns einig, dass dagegen etwas unternommen werden muss. Natürlich darf sich jeder unter freiem Himmel aufhalten, wie er mag, aber wenn dabei der Ruf einer ganzen Stadt ruiniert wird, sollte man doch über Verbote nachdenken, die dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Ich werde mich vehement dafür einsetzen, sobald ich meinen Platz im Rat eingenommen habe. Dieser Zustand muss ein baldiges Ende finden!

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