Superloser (7)

Erst nach dem zweiten, drängenderen Klingeln machte Günther auf. Missmutig blicke er auf den einen Kopf kleineren Nachbarn herab.
„Was’n?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang nach Hartalk und roch auch so. Gottfried versuchte ein freundliches Lächeln.
„Sorry, dass ich dich so spät rausklingel, aber kannst du mir vielleicht ein, zwei Promille leihen?“
Günthers Glupschaugen glotzen ihn verständnislos an, dann ging ein Ruck durch den massigen Körper des Ex-Hafenarbeiters und Amateurboxers. Mit einem kurzen Wink der linken Hand bat er Gottfried in seine Wohnung.
Drinnen muffelte es nach Männerschweiß und aufgewärmten Ravioli. Günther bedeutete seinem späten Gast, sich aufs Sofa zu setzen. Kurz darauf stellte er ihm ein Saftglas hin und schenkte es bis zum Rand mit Wodka voll. Gottfried musste sich nach vorne beugen, um den ersten Schluck zu nehmen, ohne etwas zu verschütten.
„Ah, danke, das ist gut“, sagte er.
„Dafür nicht“, raunte der Rentner. „Menschen in Not helfe ich immer gern. Was hast du denn auf dem Herzen?“
Gottfried erzählte es ihm in knappen Umrissen. Bei Stichwort Vater winkte der Riese ab und leerte sein Glas.
„Weißt du, wenn ich so was höre, bin ich immer froh, dass ich meinen Alten nie kennengelernt habe. Besser ist das.“
Gottfried wollte schon fragen, ob Günther dachte, dass er dadurch ein besserer Mensch geworden sei, mit weniger Problemen als andere, ermahnte sich aber angesichts der ihm entgegengebrachten Gastfreundschaft zu schweigen. Sie stießen an.
„Darauf trinken wir noch einen“, sagte Günther heiter. „Los, mach dein Glas alle!“ Der Wodka wurde herunter geschluckt, eine neue Flasche aufgemacht.
Irgendwann schlief Günther einfach in seinem Sessel ein und Gottfried ging, nicht ohne sich noch einen Schlummerdrink mitzunehmen, zu sich.
Im fahlen Licht, das von der Straße hereinfiel, lag der Zettel mit Gottfrieds Vater-Notizen. Wenn er nicht so betrunken gewesen wäre, so spürte er, hätte er gleich damit weiter gemacht. Vorhin auf Günthers Sofa, während der mit immer schwerer Zunge seine Weltumseglungskamellen zum Besten gegeben hatte, war ihm die Frage gekommen, ob sein Alter schon immer so ein Arschloch gewesen war oder ob ihn das Leben, die Verantwortung, das Geld, seine Frau, sein Sohn oder das alles zusammen zu einem seelischen Krüppel haben verkümmern lassen. War er am Ende an all dem Schuld? Diese These erschien ihm absurd und unheimlich faszinierend zugleich. Denn gern trüge er am Unglück seines Vaters Schuld. Dann könnte wenigstens einer von sich behaupten, Rache genommen zu haben.

Wie war der Karl-Heinz Teerstegen vor seiner Geburt gewesen? Über diese Zeit hatte er ja geschrieben, ohne sich zu überlegen, dass zwischen dem, den er Vater genannt hatte und dem der eine einigermaßen junge Person gewesen war, Jahre lagen, Sorgen und Nöte, die jeden Menschen verändern mussten.
Nun hatte Karl-Heinz Teerstegen nach seiner Geburt sicher kein Übermaß an Sorgen und Nöten zu tragen gehabt. Die Probleme in seiner Ehe einmal als normal hingenommen. Sein Vater hatte immer und immer wieder betont, wie dankbar sie alle zu sein hätten. Im Bewusstsein in der besten aller möglichen Welten aufzuwachsen, war Gottfried großgezogen worden. Das hatte er auch lange selbst fromm geglaubt, bis ihn irgendetwas dazu veranlasst hatte, sein Leben zu einen Exempel für die Widerlegung dieses Glaubens, in den er hineingeboren worden war, zu machen. Sein Projekt ging in eine andere Richtung: Schluss mit Sohn vom Sohn vom Sohn. Basta, aus!

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