Superloser (6)

In seinem Nachttisch kramte er nach dem Lederetui, das das noble Montblancschreibset beinhaltete. Ein Geschenk seines Vaters zu seinem achtzehnten Geburtstag. Gottfried probierte den Kugelschreiber aus und zu seiner Überraschung funktionierte die Mine noch wie am ersten Tag. Er blätterte um und begann einfach drauflos zu schreiben:

Das Leben war sicher nicht immer nur gut zu mir. Die Flucht aus den Ostgebieten, die harte Hand meiner Eltern, die lange Gefangenschaft meines Vaters in russischen Lagern, all das hat sicher Spuren hinterlassen. Und doch kann ich mich glücklich schätzen in einem Deutschland angekommen zu sein, für das es sich lohnt, etwas zu bewegen. Ich musste mich durchbeißen und das ist mir gelungen. Heute geht es mir besser, als es jemals einem Mitglied meiner Familie ging. Meine Arbeit bei der Bank erfüllt mich, und mir zur Seite steht eine lebenslustige und in allen Belangen vorzeigbare Frau. Diese Frau, die ich achte und die mich in allem tatkräftig unterstützt, wird in wenigen Wochen ein Kind zur Welt bringen, mein Kind. Wenn es ein Sohn wird, nennen wir ihn Gottfried. Einen Namen für ein Mädchen haben wir noch nicht gefunden. Ich rechne aber fest damit, dass unser erstes Kind ein Stammhalter wird. Wir werden ihm ein Umfeld bieten, das ihm alle Möglichkeiten offen lässt. An Nahrung und Bildung wird es ihm nicht mangeln und auch seine seelische Entwicklung sehe ich im trauten Umfeld einer funktionierenden Familie als gesichert an.
Die einzige Sorge, die mich umtreibt, ist die bezüglich der politischen Entwicklung in unserem Land. Seit zwei Jahren sind die Sozis Teil unserer Regierung. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum unser Volk nicht auf dem erfolgreichen Weg geblieben ist, den es nach der Niederlage eingeschlagen hatte. Was haben diese jungen Leute nur gegen das, was wir uns aufgebaut haben? Ich kann nur hoffen, dass alle wieder zur Besinnung kommen und sich dafür entscheiden, bei der nächsten Wahl dieses Experiment beenden. Ich werde alles, was in meine Macht steht, dafür tun und habe bereits mein Einverständnis für eine Kandidatur bei Bürgermeister Kuntz erklärt. Er hat versprochen, mich entsprechend zu fördern. Kuntz ist ein Mann vom alten Schrot und Korn. Da zählt ein Wort noch etwas und so kann ich wohl darauf vertrauen, bald meine ersten Schritte in der Politik wagen zu dürfen.
Meinen Direktor habe ich selbstverständlich über meine Pläne informiert. Richtig gestrahlt hat der, mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Das kann nicht schaden. Nein, das wird uns sicher allen nicht schaden. Nur mal zu!“

Gottfried legte den Stift zu Seite und las sich das Geschriebene durch. Es wunderte ihn, wie diese Zeilen förmlich aus ihm heraus geflossen waren. Etwas beunruhigte ihn dabei die Tatsache, dass es ihm so leicht gefallen war, in die Haut seines alten Herren zu schlüpfen. Das Gefühl, jemandem so verhassten wie seinem Vater eine Stimme verliehen zu haben – eine Stimme aus der Gruft sozusagen – ließ Gottfried regelrecht erschaudern. Er brauchte erstmal einen Drink, um das zu verdauen.
Auf dem Weg zum Kühlschrank schaute er in den im Flur befindlichen Spiegel, zur Sicherheit, dass er es auch noch selbst wäre, und stellte fest, dass er zwar etwas bleich um die Nase sonst aber noch als Gottfried Teerstegen erkennbar war. Die Augen seiner Mutter hatte er geerbt. Na, immerhin.
Der Kühlschrank gähnte ihn in all seiner Leere an. Warum er immer mal wieder nachsah, ob sich nicht doch noch eine volle Flasche darin befände, hätte er nicht erklären können. In seiner Not zog er sich ein Strickjäckchen über und klingelte bei seinem Nachbarn, dem Günther. Der war noch wach. Darauf war Verlass. Vor Drei ging der nie ins Bett, schaute sich bis dahin irgendwelche Sendungen auf dem Sport-Channel an. Billard, Poker, Oben-Ohne-Golf.

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