Superloser (4)

50 Euro hatte ihm der Besuch bei der alten Dame gebracht. Besser als nichts, aber sein grundsätzliches Geldproblem wurde dadurch natürlich nicht behoben. Wenn er ehrlich war, lastete dieses Problem schon eine ganze Zeit auf seinen Schultern und einen echten Ausweg konnte er nicht erkennen. Sich freiwillig eine Arbeit ans Bein zu binden, kam für ihn nicht in Frage.
Nun war er die meiste Zeit über alles andere als ehrlich zu sich und so lavierte er sich so gut es eben ging durch, verdrängte, vergaß und versoff seine Geldsorgen. Seine Mutter überwies die Miete, was er auch nur als gerecht empfand. Schließlich hatte er nach dem Tod seines Vaters keine müde Mark gesehen. Der hatte sein gesamtes Vermögen schon Jahre zuvor auf seine Frau überschreiben lassen. Als Gottfried bei der Testamentseröffnung davon erfahren hatte, war er fast durch die Decke gegangen. Nicht einmal einen von den wertvollen Ölschinken hatte der Alte ihm vermacht.
Seine Mutter hatte versucht ihn zu beruhigen, ihm die Überlegungen seines Erzeugers zu erklären. „Dein Vater hegte so seine Zweifel an deiner Zuverlässigkeit. Er wollte einfach nicht, dass du unser ganzes Erspartes in die Kneipen trägst. Außerdem muss ich doch auch abgesichert sein, das Haus halten und so.“ Diese Erklärung hatte alles nur noch viel schlimmer gemacht. Wütend hatte er die gepolsterten Türen bei dem Notar zugeschlagen, was nur ein vornehmes mechanisches Klicken erzeugt hatte, das schnell von den dicken Teppichen am Boden geschluckt worden war.

Im Flur seines Elternhauses war sein Blick in den großen, goldumrankten Spiegel am Eingang gefallen. Tiefliegende Augen starrten ihm entgegen. Blass war sein Gesicht und gekrönt von einer Schicht aus fettigem Haar. Der Kontrast zu der barocken Pracht des Spiegelrahmens hob sein Elend mit hämischer Ironie noch hervor. Nötig wäre das nicht gewesen. Auch ein Blinder hätte gesehen, dass er dringend eine Dusche brauchte und ein paar Stunden Schlaf in einem richtigen Bett.
Zum Glück neigte sich der Tag zum Abend hin und Dämmerung füllte die Straßen, deren Asphalt vom grau-weißen Dekor des Winters geschmückt wurde. Gottfried fasste einen Plan: Kurz bei Kimys Tanke vorbei, dann duschen, dann in die Federn.
Kims Kiosk stand auf dem zentralen Platz von Gottfrieds Viertel. Um diese Stunde leuchtete er wie ein alleinstehendes Karussell in die ihn umgebende Dunkelheit hinein und wurde so zum beliebten Anlaufpunkt für alle Alkoholiker und abendlichen Spaziergänger, die sich, den Hund an der einen Hand haltend, noch ein Schnäpschen gönnen wollten, bevor sie in den Wahnsinn ihrer familiären Zusammenhänge zurückkehrten. Circa 30 bis 40 Leute bildeten die Stammkundschaft, innerhalb derer man sich mit Vornamen kannte und ansprach. Dazu kamen einige namenslose Punks und allein erziehende Mütter aus der Nachbarschaft.
Noch bevor Gottfried auch nur „Hallo“ sagen konnte, hielt ihm Kim einen Zettel unter die Nase. Unter einem von resoluter Hand gezogenen Strich stand: 47,50.-.
„Kein Problem“, meinte Gottfried dazu und reichte dem Kioskbetreiber seinen 50-Euroschein durch das Fenster. Sofort hellte sich Kims Gesicht auf.
„Auf dich ist wenigstens immer Verlass“, sagte er und langte hinter sich nach den kleinen Fläschchen mit dem Hochprozentigem.
Von der Seite her fragte Claas, der die Szene interessiert verfolgt hatte, ob er von dem unerwarteten Reichtum Gottfrieds etwas abbekommen könnte. Solidarität stand an Kimys Tanke hoch im Kurs und so bekam Claas auch einen und Gottfried einen neuen Deckel. Das Spiel begann von neuem und fand sein vorläufiges Ende erst als seine Schulden bei Kim wieder bei 17,30 angelangt waren.
„Sorry, Leute“, sagte er, „ich bin müde. Sehen wir uns morgen?“
„Ich bin da“, antwortete Kim lapidar. Claas nickte.

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