Superloser (3)

Der Schnee knirschte unter den Sohlen seiner Schuhe. Dieses Gefühl und das dazu gehörige Geräusch empfand er als schön. Er schritt weit aus, atmete dabei die eisige Luft. Blinzelnd blickte er sich um. Von überall her drangen reflektierte Lichtstrahlen auf ihn ein. Sie Sonne stand tief und besaß dennoch die Kraft, die Oberfläche des verschneiten Parks wie ein frisch gewaschenes Laken aus einer Fernsehwerbung erstrahlen zu lassen. Als die Monotonie des Weiß unterbrechender Faltenwurf lagen die langen Schatten der Bäume und Hinweisschilder darüber. Es ging auf drei Uhr zu. Gottfried befand sich wieder in Freiheit und war auf dem Weg zu seiner Mutter.
Marc hatte ihn irgendwann entnervt aus seinem Partykeller entlassen, nachdem er den Akku seines Handys mit sich ständig wiederholenden Anrufen auf Marcs Festnetz leer telefoniert hatte. Er hatte den Apparat durch die Decke hindurch immer wieder läuten hören, bis sich am Ende die Tür zu seinem ungewöhnlichen Kerker geöffnet hatte und ihm sein alter Kumpel und dessen Bruder Anton entgegen getreten waren. Sie hatten noch einmal versucht, ihm ins Gewissen zu reden. Er solle mit dem Alkohol mal eine Pause machen, sich um irgendeine Aufgabe bemühen und vor allem solle er sich endlich bei Carola entschuldigen.
„Wenigstens das, Gott, bitte!“, hatte Anton betonend hinzu gesetzt.
„Du bist scharf auf die Kleine. Das ist es doch. Oder? Bloß weil du deinen Stängel da rein stecken willst, werde ich hier eingesperrt und vollgelabert. Verdammt, Marc, das kann doch nicht euer Ernst sein“, hatte er geantwortet.
Die beiden Brüder hatten sich mit leicht angeekelten Gesichtern von ihm abgewandt und den Durchgang zur Tür frei gemacht. Keiner hatte noch etwas dazu gesagt und Gottfried fühlte sich in seiner Vermutung bestätigt. Für ihn stellte es sich so dar, dass er das Opfer von Antons Trieben geworden war. Ein tiefes Gefühl der Enttäuschung über Marc mangelhafte Fähigkeit zu echter Freundschaft gewann in ihm Oberhand und begleitete ihn auf dem gesamten Weg vom Park bis vor das Haus seiner Mutter.

„Gottfried! Wie siehst du denn aus?“, waren die ersten Worte, die er zu hören bekam, nachdem er in den Salon getreten war.
„Wieso? Wie soll ich schon aussehen?“, fragte er genervt zurück, ohne seine Mutter begrüßt zu haben. Er hatte die Schnauze jetzt eigentlich schon voll. Immer dieses Genörgel! Was ihn am Ort hielt, war die Aussicht der Alten ein bisschen Geld abzunehmen. Bedingung dafür war aber, dass er mindestens eine halbe Stunde bleiben und sich ihre Geschichten reinziehen musste. Das einzig Gute war, dass sie die Gelegenheit sicher nicht würde verstreichen lassen, sich und ihrem Sohn ein Gläschen Sherry einzuschenken. So kam es auch. Mit etwas zittriger und mit Altersflecken übersäter Hand reichte sie ihm sein Glas, nachdem sie zuvor mit zur Schau gestellter Etikette an ihrem Cocktailwagen aus den 50ern herum gemacht hatte.
Sie fuhr sich mit den Fingern durch spröde Haar und fing sofort an, ihn in Sachen Verwandtschaft und eigenes Befinden auf den neuesten Stand zu bringen. Gottfried konnte gar nicht sagen, wie sehr ihn dieses Gefasel langweilte. Belästigte er sie en detail mit seinen Freunden und deren Problemchen? Nein, das tat er nicht, denn er wusste, dass das, was er da zu erzählen gehabt hätte, sie nur unnötig verwirren und in Sorge geraten lassen würde. Er nahm Rücksicht. Sie tat das nicht und so redete und redete sie, stand zwischendrin auf, um sich und ihm noch einen Drink nachzuschenken, und redete weiter, ohne auch nur im Entferntesten auf seine Reaktionen – die quasi nicht vorhanden waren – zu achten. Er ließ es mit der Routine von fast vierzig Jahren Sohnsein über sich ergehen. Bei den letzten Malen bemerkte er, dass ihn dieses Ritual beinahe in einen meditativen Zustand versetzte. Es drängte sein Bewusstsein in sich selbst zurück und er verlor den größten Teil seines Bezugs zu der Stimme, die in seine Ohren drang und dem ganzen Drumherum. Sicher spielte dabei auch der seltene Genuss von Sherry eine gewisse Rolle. Zumindest half er dabei.
Während es aus dem runzeligen Gesicht immer noch sprach, überlegte Gottfried kurz, wie er sich wohl fühlen würde, wenn seine Mutter einmal nicht mehr war. So recht konnte und wollte er sich kein Bild davon machen. Das Nachdenken über die Zukunft ermüdete ihn. Er hatte genug damit zu tun, in der Gegenwart einigermaßen klar zu kommen. Seine Zukunft konnte ihn mal kreuzweise. Trotzdem ertappte er sich dabei, wie er in Gedanken den Wert des Hauses und die Höhe des Ersparten seiner Mutter überschlug.
„Ja“, sagte er. „Natürlich höre ich dir zu, Mama.“

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