Superloser (2)

Stunden später wurde er von dem mechanischen Geräusch eines Schlüssels, der sich in einem Schloss drehte, geweckt. Müde rieb er sich die Augen. Marc stand vor ihm. Er kam ihm noch größer vor als sonst und vor allem wirkte er extrem ausgeschlafen.
„Oh Mann, Gott, du würdest es dir auch auf einem Müllhaufen bequem machen, solange der nur gut beheizt ist, was?“
Gottfried rappelte sich hoch. Sein Kopf brummte und der Schmerz in seiner Seite ließ ihn nur schwer atmen.
„Scheiße, Marc, was soll das alles?“
„Das solltest du dich vielleicht mal fragen.“
„Ich habe mich hier ja wohl nicht selbst eingesperrt, oder? Das habt ihr euch doch ausgedacht. Du und dein feiner Bruder, dieser Vollidiot.“
Der Freund schüttelte resigniert den Kopf, ging zum Waschbecken, nahm ein Glas aus der Spüle und ließ es mit Leitungswasser voll laufen. Dieses stellte er vor Gottfried hin. Angeekelt schaute der darauf. Dann grinste er breit.
„Vielleicht solltest du dir mal die Hände waschen“, riet er Marc.
„Warum das denn?“
„Ach, vergiss es! Hast du ein Aspirin für mich? Mein Kopf…“ Er deutete auf seinen Schädel.
„Nein“, antwortete Marc streng. „Und ein Konterbier gibt’s jetzt auch nicht.“
„Aber …“
„Nix aber, Meister. Du nüchterst erst mal aus und dann gehst du zum Telefon und entschuldigst dich bei Carola.“
Gottfried verstand nicht sofort und schloss, um seinem trüben Verstand einen kurzen Moment zur Verarbeitung des gerade Gehörten zu geben, die Augen. Anschließend blickte er wütend zu Marc auf.
„Was soll ich machen? Die Schnalle hat mich fast krankenhausreif geschlagen und ich soll mich entschuldigen?“
„Das wäre das Mindeste.“
„Können wir dann ein Bier zusammen trinken?“, schmunzelte Gottfried.
„Du checkst echt gar nichts, oder? Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der gestern dabei war, in nächster Zeit mit dir was trinkt. Du kannst froh sein, dass ich dich heute Nacht nicht raus in den Schnee geworfen habe.“
Gottfried raffte seine Jacke, die ihm als Kopfkissen gedient hatte, um den dünnen, schmerzenden Körper.
„Wenn das so ist, kann ich ja jetzt genauso gut gehen.“
„Sorry, aber du gehst nirgendwohin, solange du nicht mit Carola telefoniert hast.“
„Das ist doch nicht dein Ernst. Willst du mich hier festhalten? Und was interessierst du dich eigentlich für die?“ Missmutig rieb er sich über das gerötete Gesicht.
„Herrje, Gott, du hast mit dieser ganzen Scheiße angefangen. Du solltest sie auch wieder bereinigen.“
„Scheiße – bereinigen. Sehr gut, wirklich sehr gut, Alter. Das gefällt mir. Aber tut mir echt leid, ich bin nicht vom Reinigungspersonal. Da müssen sie sich schon an Frau Öger wenden. Dritter Stock, erste Tür links.“
„Na, wenigstens hast du deinen Humor behalten. Scheint das Letzte zu sein, was dir noch bleibt.“
Schneller als Gottfried reagieren konnte, war Marc hinter die offen stehende Tür getreten, hatte sie zugezogen und abgeschlossen. Schritte entfernten sich über die Kellertreppe.
„Marc, verdammt, Marc!“, rief Gottfried seinem alten Kumpel hinterher. Nachdem keine Reaktion zu vernehmen war, riss er sich die Jacke wieder vom Leib und schmiss sie in die Ecke. Wut, Schmerzen und Selbstmitleid ließen ihn beinahe in Tränen ausbrechen. Dann hatte er sich schnell wieder im Griff, nahm das Glas, das immer noch vor ihm stand, und leerte es mit einem Zug.
Sein merkwürdiges Gefängnis abschreitend überlegte er, was er tun könnte, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Plötzlich schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Wie dumm kann man eigentlich sein?“, murmelte er sich zu und klaubte seine Jacke vom Boden auf. Hastig fingerte er in den Taschen nach seinem Handy und fand es schließlich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s