Superloser

Gottfried öffnete langsam seine Augen. Die Lider waren so schwer, dass er das Gefühl hatte, sie Stück für Stück aufstemmen zu müssen. In seinem Schädel brummte es wie in einem Flugzeughangar. Er wusste nicht gleich, wo er sich befand. Dann fiel es ihm wieder ein.

Er war am Ende.

Der Partyraum seines Freundes Marc wurde nur durch das fahle Licht erhellt, das durch schmale Kellerfenster in das Souterrain fiel. Die Möbel, Gläser, Wandbehänge reflektierten einen bläulichen Schein. Es musste früh am Morgen sein.
Gottfrieds Blase meldete sich. Unter Schmerzen rutschte er von der gepolsterten Eckbank und kam auf die Beine. Seine Rippen taten höllisch weh. Er tastete danach. Jede Berührung erzeugte einen Stromschlag, der ihn zwang sich zu krümmen und leise zu wimmern.
Er entschloss sich, sich später darum zu kümmern. Erst musste er aufs Klo. Auf unsicheren Beinen schwankte er zur Tür, fand diese aber zu seiner Überraschung verschlossen. Sie hatten ihn eingesperrt.
„Schweine!“, dachte er, machte sich aber gleichzeitig bewusst, dass er an seiner momentanen Situation nicht ganz unschuldig war. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen vor Empörung mit dem Fuß gegen die schwere Eisentür zu treten. Sofort raste ein unerträglicher Schmerz von seiner linken Brustseite aus in sein Gehirn. Er verlor das Gleichgewicht und landete, ohne sich richtig auffangen zu können, auf dem bierverklebten und mit Zigarettenkippen dekorierten Fußboden.

Er blieb solange liegen, bis er sich beinahe in die Hose gemacht hätte. Erst im letzten Moment zog er sich hoch, taumelte zum Tresen und entleerte sich auf einer umgedrehten Bierkiste stehend in das Metallbecken der Spüle. Erleichterung machte sich in ihm breit.
Während sich der gelbliche Strahl über die benutzten Gläser und verschmutzen Aschenbecher ergoss, blickte sich Gottfried von seiner erhöhte Warte aus in seinem Gefängnis um. In der Zwischenzeit hatte der Farbton des Lichts, das von draußen einfiel, von Blau zu Gelb gewechselt. Die Überreste einer wilden Nacht wurden nun umso deutlicher erkennbar. Und doch störte irgendetwas dieses Bild. Gottfried konzentrierte sich. Etwas fehlte. Seine Augen fokussierten den gläsernen, von innen beleuchteten Kneipenkühlschrank. Marcs ganzer Stolz. Er war fast völlig leer. Eine Flasche stand noch darin und an der klebte ein Zettel.
Gottfried stieg von seiner Kiste, zog sich den Hosenstall zu und drehte sich um. Mit einem Blick nach oben erkannte er, dass auch alle Flaschen von der Bar verschwunden waren. Seine Kumpels mussten alles weggeschafft haben, als er schon schlief. Warum?
Er trat vor den Kühlschrank und öffnete die Tür. Das Brummen des Aggregats wurde etwas lauter. Ohne die einzelne Flasche in die Hand nehmen zu müssen, konnte er die Botschaft, die die Freunde ihm hinterlassen hatten entziffern.
„Als kleine Denkhilfe.“, stand da geschrieben und etwas kleiner darunter: „P.S.: So geht das nicht weiter.“
Er zog den Zettel, der mit Tesafilm auf dem Glas befestigt war, ab. Darunter wurde das Etikett eines Krombacher Alkoholfrei sichtbar. Schockiert starrte Gottfried darauf. Sollte das ein Witz sein? Gut, es war ihm schon klar, dass er am Abend zuvor über die Stränge geschlagen hatte. Aber hey, hatten sie früher nicht schon ganz andere Sachen durchgezogen? Zum Beispiel als Marc und Mario total breit aus seinem VW-Bus heraus Silvesterraketen auf weidende Kühe abgefeuert hatten. Als der Bauer angerannt gekommen ist, haben sie ihm ihre Ärsche gezeigt und sind davon gerast. 180 Sozialstunden hatte das damals für alle drei gegeben und selbst da hatten sie ihren Spaß gehabt.
Und jetzt kamen sie ihm mit so einem Moraltheater. Gottfried verstand die Welt nicht mehr, aber schlimmer noch: Er verstand die Menschen nicht, denen er sich am nächsten fühlte.
Schwer enttäuscht und ein wenig traurig griff er nach der Flasche. Eiskalt war sie. Er presste sie gegen die lädierten Rippen und legte sich wieder auf seine Bank in der Ecke.

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2 Gedanken zu “Superloser

  1. Hey, man! Wo hast Du denn den Think Tank hingeräumt? Haben den Gottfrieds Kumpels auch gleich rausgeschafft? Wasnhierlos?

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