Trips Welt (60)

Meine Kabine ist weiß gestrichen und hat Wände aus Metall. Das Bett ist mit starken Eisenschrauben daran befestigt. Ich liege hier schon seit zwei Stunden und rühre mich nicht, lass mich nur vom Wellengang schaukeln. Die Küste liegt längst hinter uns und draußen dämmert es allmählich über der Nordsee.
Rafael hat die Kabine nebenan. Ich könnte rüber gehen. Aber erst möchte ich diesen Moment hier genießen. Dieser Moment trägt mich fort. Ich bin voller Vorfreude auf alles, was vor mir liegt.

Mein Abschied von meinem alten Leben war erstaunlich einfach. Trip war am Morgen zwar immer noch schlecht drauf gewesen, kam dann aber doch mit zum Hafen, um uns zu verabschieden.
Bis wir an Bord konnten, dauerte es etwas und so standen wir an einem Imbiss, warteten und tranken Kaffee aus braunen Plastikbechern. Als Rafael pinkeln ging, fragte Trip: „Hätte das mit uns nicht auch was werden können?“
Er schaute dazu so traurig, dass es mir richtig rein ging. Irgendwas war mit ihm und seiner Chefin schief gelaufen. So viel hatte ich gestern Abend mitbekommen.
Trotzdem habe ich gesagt: „Nein, sorry, und das weißt du doch auch. Wir hatten keine echte Chance für etwas Langes, Ehrliches. Aber du bleibst mein Süßer. Das verspreche ich dir. Das mit uns werde ich nicht vergessen. Du hast mehr für mich getan, als du vielleicht ahnst.“
Da hat er ein bisschen gelächelt und mir ein Buch über den Stehtisch zugeschoben. Gedichte von Hesse, so einen kleinen, abgegriffenen Band.
„Als Erinnerung an Deutschland.“ Ich blätterte kurz hinein. Der erste Text fängt an mit: „Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, kein Baum sieht den andern, jeder ist allein.“
„Toll! Danke!“, sagte ich.
Rafael kam vom Klo zurück.
„Übrigens, was mir noch eingefallen ist. Die Sache mit Peters. Ich glaube, ich weiß jetzt warum der von einem Nazi totgeschlagen wurde.“
Ich machte eine kleine Kunstpause, um die Spannung der Herren wachsen zu lassen und einen Schluck von dem entsetzlichen Kaffee, der inzwischen kalt geworden war, zu nehmen.
„Na, los, sag schon“, feuerte mich Rafael begierig an.
„Das war vor ein paar Jahren. Damals war Peters noch Sachverständiger am Gericht. Es ging um den Fall eines Typen, der einen Vietnamesenladen angezündet hatte. Dabei war der Sohn des Besitzers gestorben. Horrormäßig. Das Problem war aber, dass der Brandstifter nur von seiner Gruppe vorgeschickt worden war und im Kopf nicht ganz dicht war. Der war richtig blemm. Versteht ihr?“
Die beiden nickten.
„Peters sollte das Gutachten machen und obwohl die Verteidigung dieser Schweine ganz schön auf Zack war, hat er es fertig gekriegt, dass der Arsch voll schuldfähig gesprochen wurde und für schweren Totschlag in den Knast gegangen ist.“
„Und dafür haben sie ihn jetzt erledigt?“, wollte Trip von mir wissen.
„Na ja, er ganz schön damit angegeben. Sich zur  großen Figur des Widerstands gegen Rechts stilisiert. Das kam weder bei den Nazis noch bei seinen Kollegen besonders gut an. Er war eben ein Angeber.“
Trip stimmte mit nach unten gezogen Mundwinkeln zu und fragte uns dann noch nach unseren Plänen in Südamerika.
„Wir haben keine“, habe ich geantwortet und mich über mich selbst gewundert.

FIN

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2 Gedanken zu “Trips Welt (60)

  1. Das war’s dann also. Diesmal wirklich. Endgültig aus und vorbei. Schluss mit lustig. Der Abschied. Das Ende. Traurig, traurig. Die Anregung des Lesers wurde leider nicht aufgegriffen. Dennoch flossen bittere Tränen. Das Leben geht weiter. Danke für die schöne Zeit!

  2. Die Frage ist doch eher: Was kommt als Nächstes? Etwa „Krieg und Frieden II“? Oder „Rückkehr auf den Zauberberg“?

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