Die Mauern in den Köpfen

Fast vierzig Jahre auf der Suche nach einer Lücke. Es musste eine geben, da war er sich ganz sicher. Etwas in ihm gab ihm diese Gewissheit und er fand im Laufe seines Lebens auch außerhalb von sich selbst Hinweise darauf. Er war nicht allein.
Und so folgte er ihr, weil sie nach dem Land duftete, das er jenseits der Mauer vermutete. Ihre Geschichten erzählten davon. Sie erzählte sie ihm, wenn er neben ihr lag und Stille herrschte im Haus. Ihre Stimme war leise und er lauschte, bis er träumte.

Als ihr Kind, Karen, geboren wurde, waren sie aufs Land gezogen, ans Meer. Sie waren der Meinung gewesen, dass sie sich selbst genügen würden. Der Enge der Stadt wollten sie entfliehen und zuerst hatte das auch funktioniert.
Sie genossen den weiten Blick aus dem Fenster, wenn sie am Küchentisch saßen, und er hatte sich einen bequemen Sessel für das Wohnzimmer gekauft. Darin las er seine Bücher und wenn seine Augen müde wurden, schaute er hinaus ins Weite. Jenseits des Apfelbaums brach das Land ab, unterhalb lag der Strand. An stürmischen Tagen konnte er durch das Tosen der Luft hindurch die Wellen an die Küste schlagen hören.
Im Nachbarhaus wohnte ein alter Mann. Klaus, Jutta und Karen gingen ihn manchmal besuchen. Er mochte Apfelkuchen und Jutta buk sehr guten mit den Früchten aus ihrem Garten. Dazu gab es Kaffee und später ein Schnäpschen.
Auch der alte Herr Schramm hatte früher in der Stadt gelebt und so unterhielten sie sich oft über die Vorzüge, die sie nun dort draußen genießen konnten.
„Nie mehr lasse ich mich so einsperren. Regelrecht eingemauert habe ich mich dort drinnen gefühlt. Und als dann meine Frau starb, …“, so oder so ähnlich formulierte es Schramm öfter und das junge Paar nickte zustimmend.
„Da ist es hier draußen doch viel schöner“, sagte Jutta.
„Warum ist die Stadt eigentlich immer drinnen und das Land draußen?“, fragte Klaus einmal. Schramm rieb sich darauf das Kinn.
„Das ist vielleicht wie bei einem schwarzen Loch“, meinte er.
„Könnte sein“, stimmte Jutta zu. „Nur dass einen das schwarze Loch nie mehr loslässt.“
„Die Stadt ja auch nicht“, setze Schramm hinzu.

Nach ein paar Monaten am Meer musste sich Klaus eingestehen, dass er trotz seiner Bemühungen seine Lücke immer noch nicht gefunden hatte. Der Druck hatte zwar etwas nachgelassen, die Bedingungen waren nun deutlich besser, aber einen Ausweg hatte er noch nicht entdeckt. Er begann zu zweifeln. Zumal Jutta ihm auch nichts mehr erzählte, wenn sie abends ins Bett gekrochen kam. Allenfalls Karen hörte er manchmal etwas brabbeln, was wie die Kunde von der Freiheit klang.

„Oh mein Gott, Klaus“, rief Jutta, die durch die Tür zu ihm herein gestürmt kam. Sie war völlig aufgelöst. „Schramm ist im Garten von der Leiter gestürzt. Ich habe den Krankenwagen gerufen.“
Eine halbe Stunde später fuhren die Sanitäter vor, hoben mit professioneller Eile den Verletzten auf eine Bahre, schoben diese in den Wagen und waren schon wieder weg.
Klaus hatte noch den weißen Kopf des Alten hinter der metallenen Tür des Fahrzeugs verschwinden sehen. „Viel Glück“, dachte er ihm hinterher.
Diese Szene beschäftigte ihn in den darauf folgenden Tagen. Das Bild der Tür, hinter der Schramm verschwunden war, löste etwas in ihm aus. Versunken saß er in seinem Sessel und grübelte. Konnte es sein, dass diese Tür der Ausgang war?

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