Trips Welt (59)

Die erste Nacht in der großen Stadt verbrachten Don Paco und sein junger Begleiter zusammen. Sie schliefen in einem Internat, das direkt an eine Schule grenzte. Beide Gebäude befanden sich auf einem Kirchengrundstück im Armenviertel von Lima.
Der Lärm und die Gerüche waren dem Jungen fremd, ebenso die Verhaltensweisen der anderen Schüler, die er bereits kennen gelernt hatte. Sie bewegten sich schnell wie Eidechsen, denen Gefahr drohte. Sie sprachen schnell, aßen schnell und lachten laut. Der Junge fühlte sich unterlegen, ohne zu wissen, in welchem Wettbewerb er sich befand und mit wem.
Beim Frühstück saß Don Paco noch neben ihm. Das gab ihm Sicherheit. Er redete freundlich mit ihm, während sie von den anderen misstrauisch beäugt wurden.
„Vergiss deine Heimat nicht“, sagte der Priester. „Das wird dir Stärke geben. Vergiss die Armen nicht und vergiss nicht, dass du arm bist, egal wie viel du besitzt. Wer hungrig geboren wurde, wird immer hungrig sein.“
Der Junge dachte an die Berge, an die Herden an ihren Hängen und das silberne Läuten der Glöckchen. Er schwor sich im Stillen, als er da neben seinem Lehrer auf einer kargen Holzbank saß und seinen süßlichen Brei löffelte, dass er dorthin zurück kehren würde. Als stolzer Mann würde er heim kommen und Don Paco, den er liebte, wieder sehen. Dieses Gefühl füllte ihn vollständig aus.
„Ich habe dir beigebracht, was ich selber weiß. Das ist nicht viel, mein Sohn, aber jetzt kannst du lernen, bis du viel klüger bist als ich. Und wenn du einsam bist, dann schreibe mir und vor allem sprich mit dem Herrn. Willst du das tun?“
„Aber natürlich, Padre.“
„Das ist gut, mein Sohn. Dann weiß ich, dass du aufgehoben bist“, sagte Don Paco.
Der alte Mann stand auf und Rafael wusste, dass nun die Stunde des Abschieds gekommen war. Er spürte noch ein letztes Mal diese vertraute, warme Hand auf seiner Schulter ruhen. Minuten später schlug die Einsamkeit über ihm zusammen. Sein Herz und die Mauern um ihn herum verengten sich zu Gefängnissen. In dem einen waren seine Gefühle eingesperrt, in dem anderen sein Körper. In dem kargen Speisesaal stürzten die Eindrücke auf ihn, den es hinaus ins Weite drängte, ein. Die verwirrende Vielstimmigkeit, das Scharren der Füße auf dem Lehmboden, die Erregung der anderen. Er nahm das alles mit gesenktem Kopf auf und verstand, dass er nicht mehr der Eine sein, sondern nur als Teil eines Ganzen überleben konnte. Es würde nie mehr so sein, wie es einmal war.

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