Trips Welt (57)

Sie trinken und wischen sich mit den Händen über ihre Münder. „Ah“, macht Timm.
„Sag mal“, sagt Trip, „hast du nicht auch den Eindruck, dass wir seit Jahrhunderten immer das Selbe tun, wenn wir uns treffen?“
„Was meinst du?“
„Na, wir trinken eben immer oder kannst du dich daran erinnern, dass es mal anders war?“
„Klar!“, behauptet Timm und lacht. „Damals als du diese fiese Halsentzündung hattest und ich dir Salbeibonbons vorbei gebracht habe.“
„Oh ja, der Höhepunkt unserer Freundschaft. Ich erinnere mich“, spottet Trip. „Wie lange ist das her?“
„Keine Ahnung. Komm, wir nehmen noch einen.“
„Nein danke. Ich muss nach Hause. Carmen reist morgen ab.“
„Wusste gar nicht, dass sie zurück ist. Und schon wieder weg? Wie kommts?“
„Sehr überraschend. Sehr, sehr überraschend.“

Im EKZ am Marktplatz haben die Geschäfte bis 20 Uhr geöffnet. Müde Verkäuferinnen drücken sich um die Kleiderständer herum, als Trip in einen der Shops eintritt. Früher hat um diese Uhrzeit Papa seine Füße hochgelegt und sich ein Bier bringen lassen. Heute muss er es sich selbst holen, weil Mama noch dazu verdient, damit sie sich zwei Wochen Mallorca oder Lloret leisten können.
Er will Carmen ein kleines Geschenk mitbringen. Als Erinnerungsstück an ihn gewissermaßen. Aber was kauft man im Winter für jemanden, der in den Sommer der Südhalbkugel aufbricht? Ratlos steht er vor dem Angebot an gefütterten Jacken, Schals, Mützen und geometrisch gemusterten Pullovern.
„Kann ich helfen?“, fragt ihn eine sympathische Stimme etwa in der Lautstärke der vor sich hin dudelnden Shoppingmusik. Er dreht sich nach der Stimme um und schaut in ein Paar strahlend blauer Augen. „Jung“, denkt er und sagt: „Äh.“
In dem Geschäft ist es warm. Die Angestellten laufen in T-Shirts durch die Gegend. Trip steht dick eingepackt und schwitzend vor der Verkäuferin, die höchsten 17 sein kann. Er fummelt am obersten Knopf seines Mantels herum.
„Ja. Ich suche etwas für eine Frau.“
„Da sind sie bei uns schon mal richtig.“ Die leise Ironie beeindruckt ihn. Gleichzeitig überlegt er, ob das junge Ding ihn vielleicht für einen Perversen halten könnte, der abends in Frauenkleidern durch die Wohnung läuft.
Er erinnert sich, dass seine Familie einmal komplett mit Grippe im Bett lag. Nur er war gesund und musste die Einkäufe erledigen. Da war er ungefähr in dem Alter des Mädchens, das gerade vor ihm steht. Auf einem der Einkaufszettel stand zwischen Quark und Spülmittel: Damenbinden, normale Größe. Diese Scham, die er damals an der Kasse bei Frau Federhauer empfand, kommt merkwürdigerweise jetzt in ihm hoch.
„Welche Größe hat ihre Frau denn?“ Und wieder meint er einen ironischen Unterton wahrzunehmen und wird noch unsicherer.
„Keine Ahnung. Sie ist ungefähr so groß wie die Dame da.“ Er deutet auf eine der anderen Verkäuferinnen.
„So 38/40 also?“
„Vielleicht.“
„Und was soll es sein?“
„Keine Ahnung. Etwas Leichtes, Luftiges. Ich …“ Die Situation überfordert ihn. Er wünscht sich, dass er seine Helferin gleich weggeschickt hätte. Schöne Augen, nette Stimme hin oder her. Stattdessen hat er sich auf dieses absurde Verkaufsgespräch eingelassen.
„Ich weiß auch nicht. Am besten ist wohl, ich komme morgen zusammen mit ihr noch mal.“
Die Verkäuferin nickt. „Die Dessous und Bademoden sind übrigens oben im ersten Stockwerk.“
„Ja, danke, vielen dank und schönen Abend noch.“
Erst die Sache mit Britta und jetzt das hier. Er hat genug und beschließt, Carmen am nächsten Tag einfach ein paar Blumen zu schenken. „Die sind vergänglich“, fällt ihm dazu ein. „So wie alles.“

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