Trips Welt (56)

Er wartet den ganzen Tag gespannt darauf, dass dieser Toni auftaucht. Er will sehen, wer ihm die Tour vermasselt hat. Ab dem späten Nachmittag lauert er, schaut immer wieder zum Fenster, zur Tür, betrachtet jeden Gast mit etwas dunklerer Hautfarbe voller Argwohn. Er kommt sich zwar selbst ziemlich dämlich dabei vor, aber er kann nicht davon ablassen.
Als schließlich gegen Fünf ein kleiner Schwarzer mit gehäkelter Rastakappe auf dem Kopf ins Cafe gehumpelt kommt, mustert ihn Trip eingehend. Der Typ hat so etwas wie Pockennarben im Gesicht. Mit seinem einen Auge stimmt auch irgendetwas nicht. Es scheint tiefer in seiner Höhle zu liegen als das andere. Kurz: Der Kerl ist potthässlich. Mit einem breiten Lachen, das sein lückenhaftes Gebiss freilegt, grüßt er zu Trip herüber und lässt sich lässig in einen Sessel gleiten.
Trip stößt die Küchentür auf und stellt Britta zur Rede.
„Das kann doch wirklich nicht dein Ernst sein. Für so einen hast du Zeit und mich lässt du hängen? Komm schon, Britta, sag ihm ab für heute. Lass uns was machen!“ Es bricht förmlich aus ihm heraus und sie schaut ihn nur ungläubig an. Dann tritt sie einen Schritt zurück.
„Was ist denn in dich gefahren? Wovon sprichst du überhaupt? Von Toni? Du kennst ihn doch gar nicht. Aber wenn du ihn sehen würdest, könntest du mich verstehen.“
„Entschuldige, aber bist du blind? Der Typ ist hässlich wie die Nacht. Der hat dich doch gar nicht verdient.“ Er schreit fast. Man muss ihn im Gastraum hören können.
„O.k., ganz ruhig, Trip. Komm mal runter. Du hast Toni doch noch nie gesehen.“
„So? So? Und wer sitzt dann da draußen und grinst mich frech an?“
„Toni bestimmt nicht. Der hat nämlich vor zehn Minuten angerufen. Er kann heute nicht.“
„Und dann lässt er dich auch noch sitzen“, stammelt er unbeholfen.
„Jetzt mach mal halblang. Das geht dich doch alles gar nichts an. Geh raus und bediene unsere Gäste. Sofort“, weist sie ihn zornig an.
Er kann nichts mehr sagen. Seine Beine fühlen sich an wie Gummi. Mit hochrotem Kopf verzieht er sich.
Eine halbe Stunde später lässt ihn Britta gehen. Sie drückt ihm stumm seinen Lohn in die Hand. Ansonsten hat sie nur noch einen verächtlichen Blick für ihn übrig.
Er überlegt kurz, ob er etwas sagen kann, das sein Verhalten erklärt. Ihm fällt aber nichts ein und so trottet er voller Scham davon. Die Vorstellung in der Stunde dieser großen Demütigung nach Hause zu gehen und das ungetrübte Glück von Carmen und ihrem Lover ertragen zu müssen, macht ihn fertig. Er wählt die entgegen gesetzte Richtung und landet nach einem kurzen, besinnungslosen Fußweg auf dem Marktplatz, wo einige Buden stehen und versuchen weihnachtlichen Glanz zu verbreiten. Ohne recht zu wissen, was er tut, bestellt er sich bei einer gemütlich dreinblickenden Frau im Nikolauskostüm einen doppelten Rentiertropfen.
„Das ist Cranberryschnapps“, klärt ihn die Verkäuferin auf.
„Schon recht“, sagt er und stürzt das Zeug hinunter. Danach geht es ihm ein wenig besser.
Eine Hand klopft ihm von hinten auf die Schulter. Er zuckt zusammen und fährt herum. Timm steht vor ihm. Er weiß nicht, ob er sich darüber freuen soll.
„Was machst du denn hier? Was trinkst du denn da?“, will sein alter Freund wissen.
„Keine Ahnung, was ich hier mache. Ich kann nur nicht nach Hause. Willst du auch einen?“
„Klar. Gern. Was ist das denn?“
„Rentiertropfen.“
„Klingt irgendwie wie Rentierpisse. Aber gut, nur her mit dem Stoff.“
„Noch zwei Doppelte“, bestellt Trip bei der Frau in Rot und Weiß.
„Das ist Cranberryschnapps“, wiederholt die Timm zugewandt.
„Aha. Na, Hauptsache es wirkt.“
Trip hat keine Lust Timm über sein Malheur in Kenntnis zu setzen. Es ist ihm einfach zu peinlich.
„Ich muss wieder weniger trinken“, meint er, um ein unverfängliches Thema aufzugreifen.
„Wem sagst du das?“, stimmt Timm zu. „Also, dann mal Prost!“
„Ja, Prost auch.“

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