Trips Welt (51)

Mir fällt ein, dass ich mich mal wieder bei meinen Eltern melden könnte. Die Uhrzeit dafür ist ideal. Mein Vater liegt schnarchend vor dem Fernseher und meine Mutter ist beim dritten Glas Rotwein. Ihre Laune ist gut und ich muss mir keine Klagen über Gesundheit, Nachbarn oder Vater anhören.
Ich glaube, dass sie nur für diese wenigen Stunden lebt. Dann, wenn sie sich nicht um ihn kümmern, nicht seine Bedürfnisse, seelische und körperliche, befriedigen muss, kann sie sich dem widmen, was sie selbst interessiert: eine Flasche guten Weins und eine romantische Geschichte als Buch oder in der Glotze. So kenne ich sie jedenfalls. So weit ich mich zurück erinnern kann, war das ihr Leben.
Dieses Leben hat aus ihr eine weiche Matrone geformt, die sich gegen Abend in ihren breiten Ledersessel gleiten lässt und dorthin hinüber dämmert, wo sie sich enthoben fühlt. Dort ist sie leicht, begehrenswert und umgeben von jüngeren Männern, die allesamt im krassen Gegensatz zu der hageren Gestalt meines Vaters stehen.
Ich frage Trip, ob ich dein Telefon benutzen darf. Er deutet auf den Apparat, gibt mir eine offene Bierflasche in die Hand und geht mit den restlichen zwei zu Rafael ins Wohnzimmer.
Es läutet lange, bis sich meine Mutter endlich bequemt ran zu gehen. „Ja?“, höre ich sie träge fragen. Vermutlich hat sie doch schon das vierte Glas hinter sich. Ich versuche meiner Stimme einen fröhlichen Ton zu verleihen. Bloß keine Zweifel an meinem blendenden Zustand aufkommen lassen.
„Ich bins“, sage ich nur.
„Goldstück! Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Gerade schaue ich einen Film, in dem die Tochter einer reichen Familie von einer Bande irischer Bauern gefangen gehalten wird. Du glaubst ja gar nicht, was das arme Ding da mitmachen muss. Hoffentlich passiert dir so was nicht. Das würde ich nicht ertragen.“
„Hier gibt es keine irischen Bauern“, werfe ich ein.
„Zum Glück“, bekomme ich darauf zu hören. Ich stöhne innerlich auf. Sie lebt wirklich in diesen Schnulzen.
„Was macht der Job?“, will sie von mir wissen. Kurz muss ich mich konzentrieren, um mir die Geschichte, die ich meinen Eltern aufgetischt habe, vorzulegen.
„Alles prima!“, meine Stimme überschlägt sich fast vor Begeisterung. „Super Kollegen, viel zu tun, es könnte gar nicht besser sein.“
„Und das Geld?“
„Na ja, ich bin ja noch am Anfang. Da verdient man natürlich nicht so viel.“
„Ach, du armer Schatz! Ich überweise dir gleich morgen was. Du brauchst ja auch eine Einrichtung für deine Wohnung. Und vergiss nicht, was deine Großmutter immer gesagt hat.“
„Wenn man reich werden will, darf man nicht in billigen Kleidern daher kommen“, zitiere ich und ekele mich etwas vor mir selbst.
„Genau“, sagt meine Mutter. „Sei mir nicht böse, Goldstück, aber der Film ist so spannend. Ich grüße deinen Vater von dir und lass mal wieder was von dir hören.“
„Ja klar und danke, Mama.“ Ich wische mir mit der Hand übers Gesicht, als müsste ich mir eine Bemalung weg reiben. Dann gehe ich zurück zu den beiden Männern. Sie haben inzwischen den Fernseher angemacht. Etwas über die RAF läuft gerade. Sex and Guns and Helmut Pohl.
„Das ist gar nichts gegen irische Bauern, die arme kleine Bürgerstöchter entführen“, sage ich mit Blick auf den Bildschirm.
„Hä?“, macht Trip.
„Ach nichts.“ Ich lehne mich zurück und denke noch mal an den Satz von vorhin. War ich auch alt, als ich jung war? Sind meine Eltern jetzt jung? Ich komme nicht dahinter. „Gleich will er wieder mit mir bumsen“, denke ich.

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