Trips Welt (50)

„Ich habe deine Überfahrt klar gemacht. Du bekommst sogar eine Einzelkabine. Ansonsten wirst du aber auf Luxus verzichten müssen. Die Esmeralda ist so ziemlich das Gegenteil von einem Kreuzfahrtschiff. Sie bringt irgendwelche Autoteile nach Brasilien. Ich denke unauffälliger werden wird dich nicht außer Landes bringen können. Oder was meinst du?“
Rafael scheint das nicht besonders zu interessieren. Er will viel lieber mit mir rummachen. Immer wieder schiebt er seine Hand unter meinen Pulli. Dafür habe ich aber gerade keine Nerven. Ich bin viel zu sehr mit der Planung seiner Abreise beschäftigt. Er merkt, dass ich nicht will und schmollt.
„Ich möchte nur mal wissen, warum Peters hat daran glauben müssen“, werfe ich ein, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.
„Was weiß ich“, murrt er. „Er war sowieso eine tragische Gestalt. Vielleicht musste er so enden. Meine Mutter hat schon gewusst, warum sie ihn rausgeschmissen hat.“
„Deine Mutter hatte was mit Peters?“, frage ich erstaunt. Bisher hat mir Rafael zwar alles Mögliche über seine Familie erzählt, dieses pikante Detail hat er aber verschwiegen. Es ist nicht zu fassen.
„Meine Mutter nahm es mit der Wahl ihrer Liebhaber nicht so genau. Irgendwie musste sie sich ja über Wasser halten. Dann kam dieser junge Student als Entwicklungshelfer zu uns und hübsch war sie ja. Na ja.“
„Na ja?“
„Na ja, sie hat sich eben in den starken weißen Mann verliebt. Er hat vom Kommunismus gesprochen und ihr erklärt, warum sie so arm ist und er so reich. Das muss sie am Anfang sehr beeindruckt haben. So sehr, dass sie zur Schande für das ganze Dorf wurde.“
„Was ist mit ihr geschehen?“, will ich wissen.
„Mit ihr? Mit ihr nicht soviel, aber ihre Familie hat beschlossen, dass sie die Kinder weggeben muss. Meine Brüder sind zu einem Onkel gekommen und ich zur Kirche.“
Ich bin geschockt. „Das ist ja schrecklich!“, stoße ich gepresst hervor.
Er lacht. „Wieso denn? Ohne das säße ich heute noch in dem verrotteten Kaff. Ich hätte niemals studieren können und wir hätten uns nicht kennen gelernt.“
Wieder sucht seine Hand ihren Weg zu meinen Titten. An der Tür schiebt sich ein Schlüssel ins Schloss. Das muss Trip sein. Ich schiebe Rafael von mir weg, richte meine Klamotten und setze ein gleichgültiges Gesicht auf.
„Hallo Süßer“, hauche ich. Er kommt ins Wohnzimmer. In der rechten Hand trägt er einen Sixpack.
„Ah, du bist ja doch da. Schön!“, sagt er. „Hier ist das bestellte Bier. Ich hoffe, die Marke ist genehm.“
Rafael greift sofort zu. Mir ist schon aufgefallen, dass er in letzter Zeit immer mehr trinkt. Als er vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat er keinen Tropfen angerührt, was ihm bei der Integration in seinem Studentenwohnheim nicht gerade geholfen hat.
Trip und er tauschen Belanglosigkeiten über Biersorten aus. Das gibt mir die Gelegenheit Rafaels Gesicht nach Ähnlichkeiten mit Peters abzusuchen. Ich komme zu keinem Ergebnis. Kann sein, kann auch nicht sein.
Das Bier ist lauwarm. Wir trinken langsam. Der Kick der frischen Bergquelle fehlt einfach. Trip stellt die restlichen drei Flaschen in den Kühlschrank. Er kommt mir gelöst vor. Laut lacht er über Rafaels südamerikanische Saufanekdoten. In seinem Mantel hat er noch drei kleine Fläschchen Sechsämtertropfen mitgebracht. Zwischen dem ersten und dem zweiten Bier trinken wir die.
„Als ich jung war, war ich alt“, sagt er ziemlich unvermittelt. „Jetzt, wo ich alt werde, bin ich gezwungen immer jünger zu sein. Ist das nicht seltsam.“
Ich denke darüber nach, frage mich, ob mir das auch so geht.
„Wo hast du das denn her?“, fragt Rafael. Er wirkt beeindruckt von soviel Poesie.
Trip antwortet nicht. Er ist schon wieder auf dem Weg zum Kühlschrank.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s