Trips Welt (49)

Der Tag verrinnt nur langsam. Einige Gäste kommen, aber niemand von Trips Lieblingsleuten, mit denen er zwischendurch auch mal ein Schwätzchen halten kann.
Ihm scheint es, als hielte sich Britta die meiste Zeit bewusst auf Distanz. Er überlegt, ob er ihr zu nahe getreten sein könnte. Vielleicht will sie ihm nach seinem etwas rührseligen Geständnis auch nur keine allzu großen Hoffnungen machen. Dabei meint er es tatsächlich genau so. Er mag Britta. Nicht mehr und nicht weniger. Dass sie frei sein will, ungebunden und jeden Mann, auf den sie steht, im Bett haben möchte, das hat er verstanden. Der Haken daran ist nur, dass gerade das sie noch attraktiver macht. Er möchte ja auch keine feste Partnerschaft mit ihr. Ihre offensiv zur Schau getragene Promiskuität aber weckt einen ihm bis dato unbekannten Jagdtrieb. Eine Lichtung, Waldboden, auf dem die Beute schwer atmend und gebunden liegt. Die Morgennebel heben sich. Der Waidmann kniet in der kalten Luft und betrachtet zufrieden das nach hitziger Flucht dampfende Tier. Er steckt sich mit einer langsamen, wohl bedachten Bewegung seine Pfeife an.
„Im Herrenklo ist die Seife alle. Schaust du mal“, beauftragt ihn Britta aus der Küche rufend.
„Äh, ja, sofort.“ Er wischt sich die Hände an seiner Schürze trocken und geht nachsehen.
Vor den Toiletten hängen an einem schwarzen Brett Infos, Angebote und Veranstaltungshinweise aus der Nachbarschaft. Ein gelber Zettel bedruckt mit roter Schrift wirbt für einen Spanisch Kurs für Anfänger. Das große S ist von einem anderen Blatt bedeckt. Er muss an Paolo denken, seine anfängliche, wohl begründete Abneigung ihm gegenüber, die Sympathie, die er mittlerweile aufbringt. Wäre da nur nicht dieses Gefühl, dass er irgendetwas über ihn nicht weiß. Etwas, was für das Verständnis der ganzen Person aber unbedingt maßgeblich wäre.
Aus dem kleinen Abstellraum holt er die Nachfüllpackung für die Seife und geht damit zum Herrenklo hinüber, öffnet den Spender und lässt etwas von der zähen, apricotfarbenen Creme hinein laufen. Er sehnt sich nach Wahrheit, möchte dass Carmen ihn einweiht, ihm ihr Vertrauen schenkt, den Schleier zerreißt. So wie bei Britta will er auch bei ihr klar sehen.
Der penetrante Pfirsichgeruch aus der Seifenpackung lässt ihn erschaudern. Schnell dreht er den Verschluss auf die Tüte, klappt den Spender zu und flüchtet aus dem engen Raum.
In dem schmalen Flur steht Britta. Fast läuft er in sie hinein.
„Ein Paolo hat gerade angerufen.“
Trip erinnert sich, dass er die Nummer auf einem Zettel notiert zurück gelassen hat. „Falls mal was sein sollte.“
„Und? Was will er?“
„Tolle Stimme! Sollte ich den vielleicht mal kennen lernen?“, fragt Britta anstatt zu antworten.
„Da musst du dich aber beeilen. Der Herr reist bald ab.“
„Schade. Na, jedenfalls soll ich dich bitten, dass du Bier mit nach Hause bringst.“
Zum Zeichen dafür, dass er verstand hat, nicht Trip.
„Ich wusste gar nicht, dass du Besuch hast.“
Er klärt seine Chefin mit einigen knappen Worten auf.
„Dann mach doch heute früher Schluss. Ist ja sowieso nichts los. Lass deine Gäste nicht warten.“
„Gäste? Carmen ist bestimmt wieder ausgeflogen und Paolo langweilt sich. Wahrscheinlich hat sie ihn ohne Kohle zuhause sitzen lassen.“
„Der Arme! Ruf ihn doch an, dass er herkommt. Hier gibt es Bier und langweilig wird ihm sicher auch nicht werden.“ Sie zwinkert. Trip dreht sich um und nimmt seinen Mantel vom Hacken.
„Danke, Britta. Bis morgen.“

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