Trips Welt (48)

Der nächste Tag bringt Carmen zurück. Mit einer Tüte voll duftender Brötchen steht sie vor Trip, der ihr die Tür öffnet. Es ist noch Zeit genug, um zu dritt gemütlich zu frühstücken. Sogar ein Glas Leberwurst hat sie mitgebracht. Die isst Trip so gern auf Weißbrot. Er freut sich und lässt sich von Carmens guter Laune anstecken. Die lacht übers ganze Gesicht und ist anscheinend bester Dinge.
„Wo warst du denn gestern?“ will Trip wissen.
„Och, ich habe nur in meiner Wohnung nach dem Rechten gesehen, bin dann am Hafen lang spaziert und abends selig in meinem eigenen Bett eingeschlummert. Herrlich! Dabei habe ich nebenbei herausbekommen, wie wir dich nach Südamerika bekommen, ohne dass du fliegen musst.“
Paolo schaut interessiert.
„Er hat nämlich schreckliche Flugangst seit er diese Tabletten nehmen muss“, erklärt sie Trip. „Na, jedenfalls kannst du ein Schiff nehmen. Wie klingt das?“
„Gut“, sagt Paolo.
„Na prima, dann sind wir uns ja einig. In vier Tagen legt die Esmeralda nach Porto de Santos ab.“
„Wo ist denn das?“, gibt sich Trip unwissend.
„Brasilien.“
„Und wie komme ich dann nach Peru?“
„Tja, das ist dann dein Problem. Das schaffst du schon. Du bist ja nicht auf den Kopf gefallen. Da musst du dich eben durchschlagen.“
Durchschlagen, das klingt für Trip einerseits sehr romantisch, er meint fast Paolo mit einer Machete in der Hand umgeben von wild wuchernden Dschungelpflanzen vor sich zu sehen, andererseits hat dieser Begriff für ihn auch einen dunklen Unterton. Er kommt nicht darauf, warum.
Nach dem Frühstück zieht er sich an. Mit den Gedanken ist er jetzt schon wieder bei der Arbeit und bei Britta. Er streift sich seinen dicken Wintermantel über. Sein Drang Carmen von seinem sexuellen Abenteuer während ihrer Abwesenheit zu erzählen ist verschwunden. Die Szene mit ihm und Britta auf dem kalten Boden des Cafes scheint ihm inzwischen sehr weit weg zu sein. Unwirklich kommt ihm das vor. Er kann es kaum glauben, dass ihm so etwas passieren konnte. Nicht minder unwirklich ist allerdings auch diese ganze Geschichte mit Paolo, Peters und Carmen. Wie geruhsam und langweilig doch sein Leben noch vor ein paar Wochen war. Er fühlt sich in die Rolle eines ungläubig dreinblickenden Beobachters versetzt, denn all diese Veränderungen und merkwürdigen Begebenheiten spielen sich für ihn da draußen, in der Welt vor seinen Augen ab. Er selbst fühlt sich seltsam unbeteiligt.

„Hast du eigentlich mal wieder was von den Bullen gehört?“, fragt er Britta beim Herrichten des Cafes. Sie stehen gerade an der Stelle, an der sie noch vor kurzer Zeit eng umschlungen gelegen hatten.
„Bei mir hat sich niemand mehr gemeldet. Warum auch? Mario ist ja nicht mehr verdächtig und mit Thomas hatte ich ja so gut wie nichts zu tun.“
„Darf ich dich mal was Privates fragen?“
„Nur zu! Wenn nicht zu privat ist“, lächelt sie.
„Bist du eigentlich eifersüchtig?“
Aus ihrem Lächeln wird ein spöttisches Lachen: „Auf dich? Das hättest du wohl gern. Nein, im Ernst, ich gönne dir dein Glück, wenn es denn eins ist.“
„Denkst du denn es ist keins?“
„Woher soll ich das wissen? Ich kenne deine Flamme ja gar nicht.“
Flamme als Bezeichnung für Carmen erscheint ihm durchaus zutreffend, auch wenn ihn die leise Ironie und die implizierte Vergänglichkeit in diesem Begriff stören. Er versucht es mit Humor zu nehmen: „Du bist auch so einen Flamme.“
„Na, hoffentlich verbrennst du dich nicht“, witzelt Britta und wringt ihren nassen Lappen in einen Eimer. Über das feuchte Geräusch hinweg sagt er: „Ich habe dich wirklich sehr gern.“

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